Intro

von Nele Jensch

Veröffentlicht am 19.03.2020

Corona in Berlin: So ist die Lage in Friedrichshain und Kreuzberg. „Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst“, appellierte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)  in der ersten außerordentlichen Fernsehansprache ihrer Amtszeit an die Bürger*innen und meinte damit natürlich die Gefahren durch das Corona-Virus. Die Krise sei die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg, und die nächsten Wochen würden noch schwerer werden. Im Moment sei nur Abstand Ausdruck von Fürsorge, sagte Merkel; eine Ausgangssperre wie in Italien, Spanien oder Frankreich kündigte sie jedoch nicht an.

Deshalb liegt es jetzt an uns, diesen Vertrauensvorschuss nicht zu verspielen, denn Merkels Ansprache ist durchaus auch als Ultimatum zu verstehen.

Schulen und Kitas bleiben in Berlin seit Dienstag zu, Eltern mit betreuungsbedürftigen Kindern demzufolge größtenteils zu Hause, falls sie nicht sowieso schon im Homeoffice gearbeitet haben. Kneipen und Clubs haben geschlossen, Restaurants nur bis 18 Uhr geöffnet.

Museen, Galerien, Theater, Bibliotheken, Schwimmbäder, Fitnessstudios und und und – alles dicht. Die BVV Friedrichshain-Kreuzberg setzt zunächst bis zum 19. April aus, man habe auf „Notbetrieb“ umgestellt und sei via E-Mail durchgehend zu erreichen.

Auch die Spielplätze sind dicht, auch in Xhain. Das öffentliche Leben ist, zumindest abends, größtenteils zum Erliegen gekommen. Tagsüber ist dafür immer noch einiges – besser gesagt: viel zu viel – los: Parks sowie die noch geöffneten Cafés und Geschäfte gut gefüllt, Abstand hält dabei kaum jemand. Offenbar haben viele Mitbürger*innen noch nicht verstanden, was Social Distancing bedeutet und warum es wichtig ist.

Bürgermeisterin mahnt zu Social Distancing. Xhains Bürgermeisterin hingegen schon: „Corona ist ernst zu nehmen und betrifft alle Menschen“, erklärt Monika Herrmann (Grüne) auf Nachfrage. Da alle Menschen das Virus übertragen könnten, sei es zwingend erforderlich, soziale Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren.

„Partys vor dem Späti sind falsch. Einen Joint oder eine Flasche lustig in der Gruppe kreisen zu lassen, ist falsch. Zu denken, es trifft eh nur die „Alten“, ist falsch“, so Herrmann. Man müsse sich nun an die aufgestellten Regeln von Senat und Bundesregierung halten, es gelte ein hohes Maß an Eigenverantwortung. „Wir müssen alle unser Verhalten der Situation anpassen“, so Herrmann – auch im eigenen Interesse: „Je mehr ignoriert wird, desto restriktiver werden die Regeln werden müssen.“

Nachbarschaftshilfe leisten! Wenn Sie jüngeren Datums und gesund sind, müssen Sie sich allerdings nicht 24/7 in der Bude einigeln – einkaufen und spazieren gehen sind durchaus erlaubt, solange auf ausreichend Abstand zu anderen Menschen geachtet wird. Und wenn man sowieso schon mal draußen ist, könnte man der Seniorin nebenan doch auch gleich den für sie tatsächlich gefährlichen Gang zum Supermarkt ersparen und ihr die Einkäufe vor die Tür stellen. Denn das, was unsere Gesellschaft jetzt zusammenhalten sollte, ist Solidarität. Wer in Xhain Nachbarschaftshilfe leisten möchte, hat verschiedene Möglichkeiten:

  • der Twitter-Account „KreuzbergHilftBeiCorona“ will Nachbarschaftshilfe in Kreuzberg „in Zeiten von Corona und Selbstquarantäne“ leisten und organisieren
  • in der Telegrammgruppe „Corona Kreuzberg“ wird Hilfe für Betroffene koordiniert
  • …oder Sie hängen einfach einen Zettel in den Hausflur und bieten eventuell gefährdeten Nachbar*innen Ihre Hilfe an. Das Nachbarschafts-Netzwerk nebenan.de hat sogar einen Aushang zum Download vorbereitet und eine schlaue Liste für nachbarschaftliche Hilfe zusammengestellt.

Clubs und Co. droht Kahlschlag. Hilfe brauchen allerdings nicht nur betroffene Bürger*innen, sondern auch die Kulturlandschaft: Die (mindestens!) fünfwöchige Schließung ist für viele Clubs, Galerien und Bars existenzbedrohend. Mehr dazu unter „Namen&Neues“.

Verdacht auf Corona-Virus? Wenn Sie befürchten, selbst infiziert zu sein, können Sie sich an die zentrale Berliner Corona-Hotline wenden. Diese ist täglich von 8 bis 20 Uhr unter 030/90282828 zu erreichen (es kommt es teils zu langen Wartezeiten). Für die Bürger*innen im Bezirk steht außerdem das Gesundheitsamt Friedrichshain-Kreuzberg zur Verfügung, erreichbar wochentags von 8 bis 17 Uhr, am Wochenende von 10 bis 16 Uhr unter 030 902 98 8000.

Mit leichten Erkältungssymptomen wendet man sich am besten telefonisch an den Hausarzt – seit Kurzem kann man sich auf diesem Wege auch für bis zu sieben Tage krankschreiben lassen, die Regelung gilt bis 5. April. Für „immobile Patienten“ haben Feuerwehr und die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin am Mittwoch einen gemeinsamen Fahrdienst gestartet. Dieser kümmere sich zwischen 7 und 22 Uhr um Patienten mit schweren Erkältungserkrankungen, die zu Hause oder in Pflegeheimen einen Arzt benötigten. Dieser Dienst ist unter 116117 erreichbar.

Grüne tagen digital, Baustadtrat in Isolation. In häuslicher Isolation befindet sich übrigens auch Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne): Er habe Kontakt mit einer positiv getesteten Person gehabt, aber bisher keine Symptome, erklärte Schmidt auf Twitter. Dank „toller Verwaltungsleute, Fraktion, Partner und Internet“ bleibe er handlungsfähig. Die erste digitale Sitzung der Xhainer Grünen klappte jedenfalls gut, meldet Fraktionsmitglied Pascal Striebel.

Alle Infos zu Corona in Berlin. Weitere Anlaufstellen, Hotlines, die aktuelle Zahl der Corona-Infizierten in Berlin und alle weiteren wichtigen Informationen zur Pandemie finden Sie auf tagesspiegel.de – und zwar nicht nur auf deutsch, sondern auch

Bleiben Sie ruhig – und solidarisch. Abschließend noch einmal kurz zusammengefasst: Es geht mittlerweile nicht mehr darum, die Ausbreitung des Corona-Virus‘ zu stoppen, dafür ist es längst zu spät.

Doch je schneller die Seuche um sich greift, desto eher stößt das Gesundheitssystem an seine Grenzen, und im Zweifel müssen Ärzt*innen entscheiden, wen sie an das Beatmungsgerät anschließen, weil er oder sie die besseren Überlebenschancen hat. Das will niemand, und deshalb geht es jetzt darum, die Pandemie zu verlangsamen (Stichwort #FlattenTheCurve). Um noch einmal die Kanzlerin zu zitieren: „Das sind nicht einfach abstrakte Zahlen in einer Statistik, sondern das ist ein Vater oder Großvater, eine Mutter oder Großmutter, eine Partnerin oder Partner. Es sind Menschen.“

Ohne Körperkontakt zusammenrücken. Die ergriffenen Maßnahmen erscheinen Einigen vielleicht extrem, doch sind sie leider notwendig. Insofern: Meiden Sie körperliche soziale Kontakte – aber lassen Sie niemanden allein. Durchs telefonieren werden keine Viren übertragen, und über die Tastatur auch nicht. Und wenn Sie sich richtig schlecht fühlen und vor Langeweile die Wände hochgehen möchten, stellen Sie sich einfach für einen Moment vor, Corona hätte uns vor zwanzig Jahren erwischt, also bevor es (nennenswertes) Internet gab – jetzt geht’s schon gleich viel besser, oder? – Text: Nele Jensch
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Meine weiteren Themen aus Friedrichshain und Kreuzberg
– hier eine Auswahl.

  •  Corona-Krise: Spielplätze jetzt doch geschlossen
  •  „Partys vor dem Späti sind falsch“: Bürgermeisterin Herrmann appelliert an Eigenverantwortung – sonst müssten die Regeln restriktiver werden
  • Bezirk schränkt Bürger*innen-Service wegen Corona ein
  • BVV vorübergehend ausgesetzt
  • Kulturszene droht Kahlschlag: Clubs bangen um ihre Existenz – und starten Party-Stream
  • Corona-Infizierter im „Kater Blau“: Gesundheitsamt sucht Partygäste
  • Verkehrswende: Xhainer*innen legen 80 Prozent aller Wege zu Fuß, mit dem Rad oder dem ÖPNV zurück
  • Xhain investiert in Radinfrastruktur – im Gegensatz zum Rest der Stadt
  • Grün statt Grau: Umweltstadträtin will Xhain lebenswerter machen
  • Equal Pay Day: Auch im Bezirk ist die Kluft zwischen den Geschlechtern groß
  • Drogen im Sandkasten: Anwohnende beklagen Situation im Görli
  • Nachbarschaft: Der erste Berliner Stolperstein wurde in Kreuzberg verlegt – für Lina Friedemann
  • Tipps gegen die Langeweile: So überstehen Sie die Isolation
  • „Paillette geht immer“, selbst während der Pandemie: BKA-Theater streamt Show mit Drag Queen Jurassica Parker
  • Sport in der Corona-Krise: Alba startet neues Projekt – via Youtube
  • …das alles und viel mehr im Tagesspiegel-Newsletter für Friedrichshain und Kreuzberg. Den gibt es in voller Länge unter leute.tagesspiegel.de

Nele Jensch ist freie Autorin beim Tagesspiegel. Offiziell wohnt sie zwar auf der Neuköllner Seite des Landwehrkanals, aber gefühlt ist die ja schon lange in Kreuzberg eingemeindet. Über Post freut sie sich auch unter nele.jensch@extern.tagesspiegel.de.