Intro

von Nele Jensch

Veröffentlicht am 18.11.2021

Die vierte Corona-Welle ist in voller Fahrt – und gleicht beinahe einem Tsunami. Obwohl es im Gegensatz zum letzten Pandemie-Winter nunmehr eine Impfung gibt, ist die Zahl der Neuinfektionen so hoch wie nie. Und zwar nicht nur für Deutschland selbst: Mit 50.000 Neuinfektionen an einem Tag hatte die Bundesrepublik vergangenen Donnerstag global die meisten neuen Corona-Fälle zu verzeichnen. Die Inzidenz liegt hierzulande inzwischen konstant über 300 und damit so hoch wie noch nie.

Natürlich grassiert das Virus ganz besonders unter den Ungeimpften, also den Kindern. Die Zahl der infizierten Schüler*innen stieg vergangene Woche auf 2797. Das ist eine Verdopplung gegenüber der Vorwoche (1348). 120 Klassen waren am Freitag in Quarantäne, andere Schulen wurden in den Wechselunterricht geschickt, darunter auch die Reinhardswald-Grundschule in Kreuzberg. Etliche Familien dort protestierten am Montag gegen die abermalige Einschränkung. Kinder trugen Plakate mit Aufschriften wie „Wir haben ein Recht auf Bildung“ oder „Schulen sollten als Letzte schließen“. Nach Elternangaben kamen rund 50 Demonstrierende zusammen.

Hohe Zahlen auch an Friedrichshainer Schulen. An der Hausburg-Schule stieg die Zahl der positiven PCR- Tests von zwölf am Donnerstag auf 21 am Freitag und 30 am Montag. Zudem sind dort dem Vernehmen nach drei Beschäftigte betroffen. Hohe Infektionszahlen gibt es auch an der Blumen-Grundschule, ebenfalls in Friedrichshain. Es wurde nicht ausgeschlossen, dass auch diese und andere Schulen in den Wechselunterricht geschickt werden könnten. Mehr zu den steigenden Zahlen an den Schulen und die Probleme beim Distanzunterricht lesen Sie bei Tagesspiegel Plus. Dort finden Sie auch eine Erklärung der Corona-Ampel für Berlins Schulen, die regelt, wann welcher Unterricht stattfindet.

Jetzt wird’s persönlich: Unter den infizierten Kindern ist jetzt auch meine Tochter. Der Schwimmkurs, in dem sie sich höchstwahrscheinlich angesteckt hat (dort war ein Kind positiv getestet worden, einige Tage später bekam meines die ersten Symptome), war die erste Gruppen-Aktivität außerhalb der Kita, an der sie seit Beginn der Pandemie teilgenommen hat. Weil wir ihr nach fast zwei Jahren Einschränkungen endlich ein bisschen Normalität ermöglichen wollten, weil die Gruppe klein war, weil sie unbedingt ihr Seepferchen machen möchte. Und natürlich hätte es sowieso überall passieren können: In der Kita, der U-Bahn, beim Einkaufen. Vorwürfe macht man sich als Mutter trotzdem.

In erster Linie aber bin ich wütend: Wütend auf die noch amtierende Bundesregierung, die Luftfilter in Landtage, aber nicht in Schulen und Kitas einbauen ließ und die Impfzentren schloss, obwohl absehbar war, dass Booster-Impfungen nötig sein würden. Wütend auf die künftige Regierung, nach deren Plänen die „epidemische Notlage von nationaler Tragweite“ in ein paar Tagen, am 25.11., auslaufen soll und die lange keine nennenswerte Strategie für die Zeit danach hatte – und erst vor drei Tagen angesichts der massiv steigenden Zahlen ankündigte, dass nun doch grundsätzlich weiterhin Kontaktbeschränkungen angeordnet werden können, insbesondere für Ungeimpfte.

Schlagersänger versierter als die Politik. Ich bin mittlerweile wütend auf alle Erwachsenen, die immer noch auf „Langzeitstudien“ zur Impfung warten, während die freien Intensivbetten auch in Berlin immer knapper werden. (Newsflash: Weltweit sind Milliarden von Menschen geimpft, Nebenwirkungen sind bekannt und behandelbar. „Langzeitfolgen“ können Impfungen gar nicht haben.) Und auf diejenigen – egal ob geimpft oder umgeimpft – , die meinen, in diesen Zeiten Karneval feiern zu müssen, dichtgedrängt und ohne Maske. Wütend darüber, dass Schlagersänger Pietro Lombardi klügere Aussagen dazu macht als viele Spitzenpolitiker*innen: „Die Kinder müssen auf so viel verzichten, auf Teile der Kindheit. Da wird drauf geachtet, aber richtig, mit Maßnahmen“, sagte Lombardi auf Instagram. Beim Karneval dürfe hingegen „gefeiert werden bis zum bitteren Ende. Das ist verantwortungslos und traurig.“

My Body My Choice? Richtig wütend bin ich auf alle Quer“denker*innen“, die in den Schutzmaßnahmen gegen das Virus eine Diktatur erkennen wollen und sich folgerichtig in schöner Regelmäßigkeit auf den Straßen heiser brüllen, bevorzugt maskenlos und ohne, dass man ihnen das verbieten würde. Natürlich geht es grundsätzlich niemanden etwas an, was andere mit ihrem Körper tun oder welchen Risiken sie ihn aussetzen wollen (kleiner Reminder: Für Frauen, die ungewollt schwanger sind, gilt dieses Credo allerdings immer noch nicht, und dass Impfgegner*innen jetzt den Slogan „My Body, My Choice“ der Frauenrechtsbewegung kapern, ist schlichtweg zynisch). Im Falle eines Virus‘ ist die Lage aber ein bisschen anders, denn es geht eben nicht nur um den eigenen Körper, die eigene Gesundheit, sondern um die von allen. Die vermeintliche Freiheit der oder des Einzelnen kann nicht zulasten einer ganzen Gesellschaft gehen.

Rücksicht auf unfreiwillig Ungeimpfte. Eine allgemeine Impflicht steht in Deutschland nicht zur Debatte, leider, könnte man sagen. Es wäre aber höchste Zeit, zumindest endlich eine für bestimmte Berufsgruppen einzuführen: Für Pflegende, medizinisches Personal, Erzieher*innen, Lehrer*innen – alle, die mit Menschen zu tun haben, für die eine Corona-Infektion ein Todesurteil sein kann – oder die eben noch nicht geimpft werden können. Es wäre höchste Zeit, nicht auf willentlich, sondern auf unwillentlich Ungeimpfte Rücksicht zu nehmen. So lange es Menschen gibt, die nicht geimpft werden k ö n n e n, weil sie zu jung oder zu krank dafür sind, darf die kleine, aber laute Minderheit der Impfskeptiker*innen nicht weiter die Gesellschaft in Geiselhaft nehmen und das Gesundheitssystem zum Kollabieren bringen.

Willentlich Ungeimpfte tragen eine Mitschuld. Nein, Sie müssen sich nicht impfen lassen, wenn Sie Angst haben, der Impfstoff könnte einen Chip von Bill Gates in Ihrem Körper implantieren oder Ihre DNA verändern. Aber dann bleiben Sie bitteschön zu Hause. Wenn Sie nämlich trotzdem in der Kneipe Ihres Vertrauens rumlungern und zum Ballermann jetten, tragen Sie eine Mitschuld daran, dass schon jetzt Krebskranke nicht operiert werden können, weil die Intensivstationen mit zum allergrößten Teil ungeimpften Covid-Patient*innen belegt sind und planbare Operationen verschoben werden. Daran, dass es immer mehr Impfdurchbrüche gibt, weil sich das Virus munter weiter ausbreiten kann; daran, dass es resistenter wird.

Wo sind die wütenden Eltern? Warum sitzt in jeder Talkshow mindestens ein*e Verfechter*in der angeblichen „Freiheit“ wie kürzlich FDP-Mann Wolfgang Kubicki bei „Maybritt Illner“, der sich als eine Art Robin Hood der Impfunwilligen sieht und fordert, diese nicht schlechter zu stellen? Warum sitzen dort keine wütenden Eltern? „Jeder Impfgegner wird achtsamer und rücksichtsvoller behandelt als Kinder“, schreibt Kollegin Sabine Rennefanz auf Tagesspiegel Plus. Hinzu kommt das Versagen von Politik und Medien bei der Impfkampagne. Von Anfang an wurde der Anschein erweckt, „dass Impfen nicht der Ausweg aus der Pandemie sei, sondern eine persönliche Lifestyle-Entscheidung, so wie manche halt Hafermilch nehmen, um das Klima zu schützen“, so Rennefanz.

Kinder wissen, was los ist. Ich habe jetzt über eine Woche lang beobachtet, wie Corona nach und nach verschiedene Körperregionen meines fünfjährigen Kindes attackiert hat. Erst den Hals, dann den Geschmackssinn, dann die Lunge, dann die Augen. Dazu kam die Angst: Als ich meiner Tochter sagte, ihr PCR-Test sei positiv und sie habe tatsächlich Corona, brach sie in Tränen aus. Um besorgten Leser*innenbriefen vorzubeugen: Nein, wir schüren keine Ängste bei unserem Kind. Aber auch Fünfjährige leben nicht im luftleeren Raum: Sie werden mehrmals in der Woche getestet, tragen Maske in Geschäften und im Bus, haben die Sorgen um ihre Großeltern miterlebt und die Erleichterung über die Impfung. Vielleicht wissen sie sogar besser, was Pandemie bedeutet, als 50-Jährige, die ungeimpft und möglicherweise sogar ungetestet in Restaurants sitzen.

Warum gibt es nicht mehr Solidarität? Meine Tochter hat es gut überstanden, die Symptome waren mäßig und sind inzwischen abgeklungen. Das ist bei den meisten Kindern so, sofern sie überhaupt Symptome entwickeln (etwa 50 Prozent der infizierten Kinder sind symptomfrei). Aber eben nicht bei allen, und schon gar nicht bei Kindern mit Vorerkrankungen. Dass Letztere im allgemeinen Diskurs mittlerweile gar nicht mehr als relevanter Faktor in Sachen Pandemie-Prophylaxe gesehen werden, ist noch mal eine ganz andere Diskussion – wir erinnern uns an die Anfänge von Corona, als die Gesellschaft kollektiv und zu Recht aufgerufen war, die besonders gefährdeten Senior*innen zu schützen. Warum den Kindern jetzt nicht dieselbe Solidarität zuteil wird, ist mir unbegreiflich und eigentlich nur damit zu erklären, dass es deutlich mehr Wahlberechtigte über 65 gibt als solche mit kleinen Kindern.

Sorgen bleiben. Ich wünsche es keinem anderen Elternteil, sich mit allem Wissen, das wir inzwischen über die Gefahren von Corona haben, mitansehen zu müssen, wie sein oder ihr Kind eine Covid-Erkrankung durchsteht. Und by the way: Im Gegensatz zu Impfungen kann Corona sehr wohl Langzeitfolgen haben. Wir hoffen jetzt, dass bei unserer Tochter nichts zurückbleibt, kein MERS- oder PIMS-Syndrom auftritt. Freuen uns, dass sie nun erstmal weitestgehend immun ist, das ist immerhin etwas.

Kinder-Durchseuchung wird in Kauf genommen. Befreundete Eltern reagierten übrigens nicht nur mitfühlend, sondern auch resigniert: Sie alle rechnen damit, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich auch ihre Kinder mit Corona infizieren, wenn die Kinder-Impfung nicht rasch kommt (was nun immerhin noch vor Weihnachten der Fall sein soll). Denn dass die Schutzmaßnahmen viel zu gering sind und Politik wie Gesellschaft die Durchseuchung der Kinder ganz offensichtlich in Kauf nehmen, daran haben die Mütter und Väter, die ich kenne, schon seit Längerem keinen Zweifel mehr.

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  • Nele Jensch ist freie Autorin beim Tagesspiegel. Offiziell wohnt sie zwar auf der Neuköllner Seite des Landwehrkanals, aber gefühlt ist die ja schon lange in Kreuzberg eingemeindet. Über Post freut sie sich auch unter nele.jensch@extern.tagesspiegel.de.

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