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von Nele Jensch
Veröffentlicht am 02.06.2022
fahren diejenigen von uns, die ein Auto besitzen, bald nur noch im Schneckentempo damit durch den Bezirk? Oder, um etwas abfällig mit der Regierenden Bürgermeisterin zu sprechen: Wird Xhain doch zu „Bullerbü“? Der Bezirk plant jedenfalls eine „flächendeckende Verkehrsberuhigung“ in ganz Friedrichshain-Kreuzberg. Das kündigten vergangene Woche Verkehrsstadträtin Annika Gerold (Grüne) und Felix Weisbrich, Leiter des Straßen- und Grünflächenamtes, an.
Weniger Autolärm, mehr Platz für Radler und Fußgänger*innen. Demnach sei eine Umsetzungsstrategie des Straßen- und Grünflächenamtes bereits dem Verkehrsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) vorgestellt worden. Sie beinhaltet unter anderem Tempolimits, Parkverbote, bessere Barrierefreiheit durch Einbahnstraßen, Diagonalsperren, Fußgängerzonen und die Verringerung des Durchgangsverkehrs. So würden Anwohnende weniger unter Autolärm und Luftverschmutzung leiden, Radfahrende und Fußgänger*innen hätten mehr Platz – und Sicherheit, insbesondere vor Schulen.
„Handlungsbedarf im gesamten Bezirk“. Einzelne verkehrsberuhigte Zonen gibt es bekanntlich schon im Bezirk, ebenso diverse Anwohneranträge für Kiezblocks. So laufen etwa im Bergmannkiez, dem Gebiet rund um den Lausitzer Platz, im Wrangel- und Samariterkiez Verfahren, mit denen der Bezirk die Wünsche von Bürger*innen nach weniger KfZ-Verkehr erfüllen will. Doch das neue Konzept setzt weiter an: Es solle keinen Flickenteppich geben, wodurch sich der Verkehr dann einfach verlagert, so Weisbrich. Auch Stadträtin Gerold sieht im gesamten Bezirk „Handlungsbedarf für Verkehrsberuhigung“.
Klotzen statt kleckern. Nicht nur Nebenstraßen sollen ruhiger werden: Weisbrich plant, auch Straßen des heutigen Hauptnetzes einzubeziehen – und diese im Rang herabzustufen. Beispiele seien die Katzbach-, Möckern- und Großbeerenstraße in Kreuzberg. Die Bürger*innen sollen allerdings einbezogen werden: Mit „Realexperimenten“ soll ihnen gezeigt werden, was der Bezirk plant. „So könnte man übers Wochenende eine temporäre Diagonalsperre aufstellen, was dann Anlass für Bürgerbefragungen oder ein kleines Fest werden könnte“, sagte Weisbrich.
Wie geht es nun weiter? Im Sommer wolle sich das Bezirksamt mit allen Initiatoren von in Friedrichshain-Kreuzberg erfolgreich eingereichten Kiezblocks besprechen, sagte Stadträtin Gerold. Das Projekt „Graefekiez ohne Parkplätze“, ein temporärer Modellversuch, wird noch diskutiert. Die BVV könnte es im Herbst beschließen. Kritik an den Bezirksplänen gibt es allerdings auch: So wird unter anderem vor Problemen für Lieferverkehr und Einsatzfahrzeuge gewarnt, sollte das komplett verkehrsberuhigte Xhain Realität werden. Mehr dazu lesen Sie auf Tagesspiegel Plus.
Autoverkehr fordert Tote und Verletzte. Dass Handlungsbedarf in Sachen Verkehrswende besteht, dürfte für die meisten Berliner*innen klar sein – nicht nur, weil Bürger*innen sich weniger Autolärm wünschen, sondern nicht zuletzt, weil dieser schlichtweg gefährlich ist. Erst am Mittwoch vergangener Woche fuhr ein Autofahrer in Kreuzberg zwei spielende Kinder an und verletzte sie schwer: Die Jungen im Alter von zwei und vier Jahren kamen nach der Kollision in der Graefestraße am Mittwochnachmittag mit schweren Kopfverletzungen zur Behandlung in eine Klinik, wie die Polizei am Donnerstag mitteilte. Insgesamt starben im vergangenen Jahr in Berlin laut Polizei 40 Menschen bei Unfällen, darunter zehn Radfahrer*innen. Eine davon war unsere Nachbarin Laetitia Graffart, die von einem LKW auf der Frankfurter Allee überrollt wurde. Mehr dazu weiter unten im Kiezgespräch. Dieses Jahr starben bereits drei Radfahrende in der Hauptstadt.
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