Namen & Neues

Start-Up-Szene kommt nach Kreuzberg

Veröffentlicht am 11.01.2018 von Nele Jensch

Wir haben Ihnen schon einige Male von dem Protest von Anwohner*innen und Gentrifizierungsgegner*innen gegen den geplanten Google-Campus in der Ohlauer Straße berichtet; zuletzt protestieren Mitte Dezember Demonstrant*innen vor dem ehemaligen Umspannwerk, in dem der Start-up-Hotspot entstehen soll, und skandierten „Fuck off Google“ oder „Google ab nach Adlershof“. Viel Zeit bleibt ihnen nicht mehr: Die letzten Baugenehmigungen hat Google inzwischen beisammen und will den Campus im August oder September eröffnen. Konstantin von der Nachbarschaftsinitiative Bizim Kiez (der nur mit seinem Vornamen genannt werden will) hat die Hoffnung jedenfalls noch nicht aufgegeben: „Vielleicht versteht Google ja am Ende unsere Sorgen doch noch und zieht mit seinem Campus nicht mitten ins Herz von Kreuzberg“, sagte er meinem Kollegen Andreas Hartmann.

Gentrifizierungskritische Initiativen wie Bizim Kiez, „Lause bleibt“ oder „GloReiche Nachbarschaft“ haben verschiedene Kritikpunkte am Campus: Zum einen gilt Google unter Kreuzberger Kritikern als Überwachungsapparat und Datenkrake, die nun den Bezirk infiltrieren will – mitunter klingt das schon ein wenig nach Verschwörungstheorie, wenn ein Demo-Sprecher sagt: „Es fängt an mit einem Campus und endet damit, dass Google der ganze Reichenberger Kiez gehört und von hier aus Daten erhebt.“Andere Sorgen sind sehr viel konkreter: Die Start-Up-Szene scheint Kreuzberg für sich entdeckt zu haben; vor eineinhalb Jahren haben die Samwer-Brüder, Gründer von Rocket Internet, das ehemalige Postamt an der Skalitzer Straße erworben und vermieten die Räumlichkeiten vor allem an Start-Ups; der dort ansässige „Privatclub“ klagt seither, es werde gezielt versucht, ihn zu verdrängen (wie letzte Woche berichtet).

Und nicht nur Google und die Samwers haben Kreuzberg für sich entdeckt: Im April war bekannt geworden, dass der Online-Shopping-Riese Zalando (der übrigens bei seiner Gründung ebenfalls ins Portfolio der Samwer-Brüder gehörte) ein neues Bürogebäude auf der Cuvrybrache errichten will, seit Sommer wird tatsächlich gebuddelt. Baustadtrat Schmidt sagte der Zeit, es sei nicht nachbarschaftsverträglich, wenn ein Megakonzern gleich mit 2.000 Angestellten in ein so dicht besiedeltes Viertel einbreche, da die Folgen für Mietpreis- und Verkehrsentwicklung katastrophal seien – allerdings habe die Politik auf den Zalando-Campus keinerlei Einfluss, da die Liegenschaft nicht der Stadt gehört. Zalando, vermutet Schmidt, „konsumiert den Kiez als Kulisse“.

Noch im Januar soll außerdem der zweite Standort der Factory Berlin am Görlitzer Park eröffnet werden, unter dessen Dach rund 10.000 Kreative aus der Tech-Branche arbeiten werden. Für 50 Euro im Monat können sie die Räumlichkeiten der Factory nutzen, um zu arbeiten, sich auszutauschen und gemeinsam mit der Industrie neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Mitmachen kann allerdings nicht jeder: Die Factory sucht sich Leute aus, die ihrer Meinung nach wirtschaftliches Potential haben. Natürlich wäre die Gentrifizierung auch ohne das (relativ) neue Interesse der Tech-Industrie in Xhain sowieso in vollem Gange – man muss sich jedoch nur San Francisco ansehen, um zu verstehen, dass Start-Ups eine Stadt tatsächlich nachhaltig verändern können. Und die vielen neuen Mitarbeiter*innen von Zalando und den Start-Ups im Google-Campus und der Factory werden sich wahrscheinlich eher nicht in Zehlendorf oder Marzahn nach einer Wohnung umsehen.

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