Namen & Neues

Unser Bezirk ist Pionier: Hier kommt das erste Fußverkehrskonzept

Veröffentlicht am 04.06.2020 von Corinna von Bodisco

Endlich mehr tun für Fußgänger. Spaß macht das Gehen auf der Wiener Straße am Görlitzer Park nicht gerade: Die Gehwege haben zwischen Ohlauer Straße Richtung Görlitzer Ufer viele Löcher, sind uneben und auf der Parkseite kommt es oft zu Konflikten zwischen Menschen, die zu Fuß und mit dem Rad unterwegs sind. Beim Überqueren auf der Höhe Forster-, Liegnitzer- oder Glogauer Straße müssen Fußgänger erst mal die zugeparkten Übergänge und die hohen Bordsteine überwinden.

Um solche Orte fußgängerfreundlicher und barrierefrei zu gestalten, hat Friedrichshain-Kreuzberg als erster Bezirk Lösungsvorschläge in Form eines Fußverkehrskonzepts vorgelegt. Und das noch bevor die geplante Änderung des Berliner Mobilitätsgesetzes mit dem neuen Abschnitt Fußverkehr im Abgeordnetenhaus verabschiedet wurde. Das Konzept wurde auf Basis eines Grünen-Antrags mit Stimmen der Linken und SPD in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Ende Mai beschlossen. Seit Ende Oktober 2019 wurde es in den Ausschüssen diskutiert.

Fußgänger sollen im Straßenverkehr Vorrang und mehr Platz bekommen, „sie sind es schließlich, die ohne Metallpanzer und im Schritttempo am Verkehr teilnehmen“, sagt Grünen-Fraktionsvorsitzende Annika Gerold. Das Papier ergänzt den bezirklichen Radverkehrsplan von 2018 und die Einrichtung temporärer Spielstraßen.

Die zentralen Fragestellungen des Fußverkehrskonzepts fasst Gerold folgendermaßen zusammen: „Wie einsichtig, sicher oder zugeparkt sind Kreuzungen, erlauben sie ein sicheres Überqueren, sind Gehwegvorstreckungen oder Poller nötig?“ Außerdem soll schon bei den Baumaßnahmen im Blick behalten werden, dass der öffentliche Raum barrierefrei von allen genutzt werden kann – auch von mobilitätseingeschränkten oder älteren Menschen.

Im Fall Wiener Straße ist eine Sanierung des beschädigten Gehwegs vorgesehen. Die Bordsteine sollen abgesenkt, Poller wiederum verhindern, dass diese zugeparkt werden. Das Überqueren soll durch Gehwegvorstreckungen sicherer werden.

Kernstück des Konzeptes ist ein Katalog, der Maßnahmen für 94 Standorte (54 in Kreuzberg, 40 in Friedrichshain) auflistet und deren Priorität in drei Stufen einteilt (hoch, mittel, niedrig). Der Katalog soll je nach Bedarf weiterentwickelt werden. Priorität eins haben vor allem Standorte mit unsicheren Kreuzungen, Straßen mit fehlenden Querungshilfen, schlechten Gehwege oder unsicheren Schulwege erhalten. Fehlende Sitzgelegenheiten werden als zweit- oder drittrangig eingestuft.

Noch mehr Fallbeispiele mit Priorität 1: Mangelhafte Querungsmöglichkeiten werden in der Boxhagener-, Niederbarnim-, Gärtner- und Wühlischstraße gelistet. Für einen sicheren Schulweg soll etwa beim Ausgang des Andreas-Gymnasiums in der Koppenstraße ein Zebrastreifen her. Der Durchgang zwischen Reichenberger- und Dresdener Straße am Kottbusser Tor wird als „sehr unangenehm“ bewertet, die Sicherheit soll durch „Reinigung, bessere Beleuchtung“ verbessert werden sowie mittels einer „Toilette!“.

Ebenfalls werden Stellen aufgeführt, wo es zu Konflikten zwischen Radfahrern und Fußgängern kommt, etwa beim U-Bahnhof Samariterstraße, wo kürzlich der Pop-up Radweg eingeweiht wurde, sowie der Kottbusser Straße („Radwegführung Richtung Kottbuser Brücke führt über Gehweg (…), bessere Markierung/ Sichtbarkeit“).

Als „ziemlich gelungene Sache“ lobt Roland Stimpel, Vorsitzender von Fuss e.V. das Konzept. Der Fachverband für Fußverkehr finde es sehr gut, dass ein Bezirk in Sachen Verkehrswende so einen Vorstoß wagt. Nur zwei Dinge würden im Konzept fehlen.

Zum Einen sei die Breite von Gehwegen nicht gesichert, obwohl sie laut Papier verbreitert werden sollen. „Die Erfahrung zeigt, dass dies verbindlich quantifiziert werden muss, sonst wird es nichts.“ Als Normung nennt Stempel eine Breite von 2,50 Metern. Die Gehwege im Bezirk sind mit einer Mindestdurchgangsbreite von 1,50 Meter oft schmäler.

Beim zweiten Punkt geht es Stimpel um den illegalen Gebrauch von Gehwegen. „Falsches Parken ist im Konzept angesprochen, es handelt sich aber auch um falsches Befahren“, also den Konfliktpunkten zwischen Fußgängern und Radfahrern. Mit Bodenmarkierungen allein sei das nicht zu lösen. „Da hilft nur das Ordnungsamt, das Recht auf einen sicheren Verkehrsraum muss durchgesetzt werden“.

In welchem Zeitraum die Maßnahmen der 94 Standorte angegangen werden, ist noch unklar, da warte man auf die „Einschätzung des Bezirks“, sagt Annika Gerold. An der konkreten Umsetzung werden das Straßen- und Grünflächenamt mit dem neuen Fachbereich „öffentlicher Raum“ und das Ordnungsamt arbeiten.

„Über den Doppelhaushalt wurden für das Straßen- und Grünflächenamt neue Stellen beschlossen“, sagt die Grünen-Fraktionsvorsitzende. Darunter fallen vier neue Planstellen und eine Leitungsstelle für den neuen Fachbereich. Lediglich die Maßnahmen für mehr Barrierefreiheit, die über Finanzmittel des Senats realisiert werden haben schon eine Deadline: Anfang 2022.  – Text: Corinna von Bodisco
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