Namen & Neues

Streit an der Volkshochschule

Veröffentlicht am 13.08.2020 von Masha Slawinski

Die meisten Volkshochschulen (VHS) bieten seit dem 1. Juni wieder Beratungsangebote, Niveau-Einstufungstests und Anmeldungen zu Sprachkursen für Migrant*innen an. Bei der VHS Friedrichshain-Kreuzberg ist das nicht der Fall. 80 Kursleitende, die bis Ende Juni Ersatzleistungen erhalten haben, stehen seit dem 1. Juli ohne Arbeit und Einkommen da.

Bis jetzt ist die Neuanmeldung für Deutsch- und Integrationskurse, deren erfolgreicher Abschluss für eine Einbürgerung erforderlich ist, nicht möglich. „Weitere Integrationskurse sowie digitale Deutschkurse im virtuellen Klassenzimmer werden aktuell geplant“, heißt es in einem Statement der Pressestelle des Bezirksamts  Friedrichshain-Kreuzberg. Bis jetzt steht der Unterrichtsplan aber noch nicht fest. Auf diesen Missstand machte die Berliner Dozent*innenvertretung aufmerksam.

Nachdem sie auf  bezirklicher Ebene gescheitert war, wendete sich die Berliner Vertretung mit einem offenen Brief an die Bildungs- und Sozialsenatorinnen und den Regierenden Bürgermeister. Der Dozent*innenvertretung gehört auch Beate Strenge an. Sie setzt sich für die Rechte der Dozierenden an der Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg ein. Sie selbst unterrichtet an der Volkshochschule in Mitte. Dort gibt es solche Probleme nicht. „Dass unsere Verdienstsituation vom Wohlwollen und der Planungsfähigkeit der VHS-Vorgesetzten abhängt, ist unfair. Die VHS-Dozent*innen sollten bei Kursausfall in der Coronazeit Ausgleichszahlungen vom Senat erhalten“, sagt sie.

Eine der Betroffenen ist Barbara Ulrich. Sie arbeitet an der Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg. Sie gehört der lokalen Dozent*innenvertretung an und möchte anonym bleiben, denn sie fürchtet um ihren Job – Barbara Ulrich ist also nicht ihr richtiger Name. Die zwölf VHS unterscheiden sich wesentlich in der Art und Weise, wie sie geleitet werden: Das spiegelt sich in den Arbeitsbedingungen der Dozierenden wieder. Während es in Mitte gang und gäbe sei, dass sich eine Dozentin für die Rechte und Bedürfnisse der Dozierenden einsetze, würden die Treffen der lokalen Dozent*innenvertretung nicht öffentlich kommuniziert.

„Dass für den Herbst an der VHS FK keine Deutschkurse geplant sind, begründet die Leitung mit der Abwesenheit der für die Planung verantwortliche  Programmbereichsleiterin“, sagt Ulrich. Wann diese zurückkehrt, wurde nicht genannt. Bis auf Weiteres wird also kein Deutschunterricht geplant werden. Das betrifft natürlich auch Migrant*innen, die sich nicht für neue Kurse anmelden können. Sie stehen teilweise unter dem Druck des Jobcenters und müssen für ihre erfolgreiche Einbürgerung die Deutsch-Module belegen. 

„Die Gruppe, die integriert wird, hat die geringste Lobby. Darum entsteht kein Handlungsdruck. Und auch dagegen gehen wir vor“, sagt André Pollmann. Er ist Landesfachbereichsleiter von Verdi und Ansprechpartner für Mitglieder in Bildungseinrichtungen und politischen Stiftungen in Berlin. Teils haben sich Kursteilnehmende nun an Volkshochschulen in anderen Bezirken angemeldet.

In dem Vertrag der Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg, den Dozierende unterschreiben sollten, hieß es: „Wenn die jeweils gültige SARS-Cov-2-Eindämmungsverordnung den Präsenzunterricht (am Tag eines Kurses/Unterrichts) verbietet bzw. nicht zulässt, wird grundsätzlich kein Honorar oder Ausfallhonorar fällig.“ Aus einem Schreiben der Schulstadträtin Clara Herrmann (Grüne) ging nun hervor, dass dieser Passus im Honorarvertrag zurückgenommen wurde.  

Kritik gibt es auch an den Konferenzen. Früher hätten die Dozierenden für eine Konferenzteilnahme eine geringe Aufwandsentschädigung von 22 Euro erhalten. Heute, so berichten sie, treffen sie sich zur unbezahlten „Jour fixe“, die sich bis auf Name und Vergütung nicht wirklich von den vorherigen Konferenzen unterscheidet.

Die Mitarbeitenden fürchten um ihre Jobs. „Wir fordern eine baldige Wiedereröffnung des Deutschbereiches und Planung, die alle Lehrkräfte berücksichtigt, denn wir befürchten massiven Platzabbau“, sagt Dozentin Ulrich. Nach dem neuen Unterrichtsmodell der Volkshochschule soll eine Lehrkraft einen Kurs mit etwa 20 Teilnehmenden gleichzeitig unterrichten, die auf zwei Räume aufgeteilt sind.

Wegen einer begrenzten Raumzahl würde das bedeuten, dass nur halb so viele Klassen unterrichtet werden können. Das Auftragsvolumen der Lehrkräfte würde sinken. Die Dozierenden fordern, dass – wie in anderen Volkshochschulen – stattdessen die gleiche Zahl von Lehrkräften kleinere Gruppen unterrichtet. So könnte die Volkshochschule einen möglichen Stellenabbau von 50 Prozent vermeiden. In einem Stellungnahme der Pressestelle des Bezirksamtes heißt es dazu: „Die aktuell geltenden Vergütungssätze des BAMF (Bundesamt für Integration und Flüchtlinge ) sind bei pandemiebedingt kleinen Kursgruppen nicht ausreichend, um die Honorarsätze zu finanzieren.“

 

 

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