Namen & Neues

Markthalle Neun: Aldi sieht keine langfristige Perspektive

Veröffentlicht am 10.12.2020 von Nele Jensch

Markthalle Neun: Aldi sieht keine langfristige Perspektive. Vor fast einem Jahr, im Januar 2020, veranstaltete der Bezirk ein Nachbarschaftsforum zur umstrittenen Markthalle Neun – Sie erinnern sich sicher an den während der Coronapandemie etwas in den Hintergrund getretenen Konflikt. Seitdem die Markthallen-Betreiber ankündigten, die ansässige Aldi- durch eine DM-Filiale ersetzen zu wollen, kritisieren Anwohnende den Hipster-Charakter der Halle, deren Angebot ohnehin primär auf Tourist*innen und Besserverdienende abziele, statt sich an den Bedürfnissen der Menschen im Kiez zu orientieren. Sie fordern eine „Halle für alle“.

An dem Forum im Januar beteiligten sich laut Bezirk rund 500 Menschen, die zu Themen wie Essen, Gemeinschaft und Umfeld über 1.200 sogenannte Dialogbögen ausfüllten. „Unsere weiteren Planungen und Diskussionen werden auf Basis der eingegangenen Wünsche, Anregungen und Beschwerden erfolgen“, sagte Xhains Bürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne). Darüber hinaus war das vom Bezirksamt beauftragte Dialogteam von September 2019 bis zum Beginn des Lockdowns im März im Kiez unterwegs. Eine eigentlich für Ende des Jahres geplante Beteiligungswerkstatt muss pandemiebedingt ausfallen – doch der Bezirk findet, dass auch anhand der bisher gesammelten Informationen „ein breites und aussagekräftiges Meinungsbild“ entstanden ist.

Einige Ergebnisse: Vielen Menschen sind bezahlbare Lebensmittel wichtig, und einige sehen das nur durch den Erhalt des Discounters in der Markthalle Neun als gewährleistet. Doch der Aldi werde laut Bezirk wohl früher oder später ohnehin ausziehen: Das Unternehmen sei auf der Suche nach größeren Verkaufsflächen und sehe in der Ladenfläche in der Markthalle Neun keine Perspektive. Sollte stattdessen also tatsächlich ein DM einziehen, würde das viele Befragte freuen: Für viele Menschen spiele die Nahversorgung insgesamt eine elementare Rolle, heißt es in der ersten Auswertung des Bezirks. Als dringender Bedarf werde vor allem ein Drogeriemarkt genannt.

Darüber hinaus war den Befragten auch das Umfeld der Markthalle wichtig: Ein sehr häufig genanntes Thema war der Verkehr. Dabei ging es vor allem um Flächengerechtigkeit für Fahrrad- und Fußverkehr, Orte der Begegnung sowie den Lieferverkehr im Umfeld der Markthalle Neun – mit der Einrichtung der Fußgängerzone am Lausitzer Platz ist dahingehend bereits begonnen worden. Alle Ergebnisse des Dialogverfahrens lassen sich hier einsehen. Text: Nele Jensch
+++
Dieser Text stammt aus dem Tagesspiegel-Newsletter für Friedrichshain-Kreuzberg. Sie möchten mehr aus Berlins Bezirken lesen? Sehr gerne. Die 12 Tagesspiegel-Newsletter gibt es, Bezirk für Bezirk, unter leute.tagesspiegel.de
+++
Und hier noch mehr aktuelle Themen aus dem Tagesspiegel für Friedrichshain-Kreuzberg

  •  Erste digitale BVV floppt: Abbruch nach einer Stunde wegen technischer Probleme
  • Corona-Update: Härtere Maßnahmen im Gespräch, Ausbruch in Friedrichshainer Pflegeheim
  •  Dialogverfahren zur Markthalle Neun abgeschlossen
  • „Trauernde haben keine Lobby“: Birgit Scheffler erzählt von ihrem Bestattungsunternehmen „Fährhaus“, dem Umgang mit dem Tod und den Herausforderungen für Bestatter*innen und Angehörige durch die Corona-Pandemie
  • Erster Monitoring-Bericht zu homo- und transphober Gewalt in Berlin
  • Heißer Scheiß: Glühwein to go in der Pandemie
  • „Naked Drinking“ aus Kreuzberg: Die Alkoholika von „Mondhügel“ kommen ohne Zusatzstoffe aus

Die Kritik lässt allerdings nicht auf sich warten: Die „Anwohnergruppe Kiezmarkthalle“ erklärt in einer Pressemitteilung, dass „5290 Unterschriften und damit die Meinung von 5290 Menschen“ vom Bezirk übergangen würden, die einen Erhalt der Aldi-Filiale forderten. Auch dementiert die Initiative, dass Aldi kein Interesse am Verbleib in der Halle habe: Ende August habe der Discounter auf eine entsprechende Anfrage der Anwohnergruppe mitgeteilt, dass er gerne in der Markthalle Neun bleiben würde – jedoch habe Aldi nur einen Mietvertrag mit einmonatiger Kündigungsfrist, was sein Verbleib erschwere. Weder die Hallenbetreiber noch das Bezirksamt würde noch mit dem Discounter verhandeln.

Auf Tagesspiegel-Nachfrage bestätigt Aldi, dass ein „strategischer Rückzug aus dem Wrangelkiez“ für Aldi nicht zur Debatte stehe.  Die Gespräche zwischen dem Discounter, den Hallenbetreibern und dem Bezirk seien zuletzt wieder aufgenommen worden, nachdem sie pandemiebedingt ins Stocken geraten waren. „Angesichts der sehr unbefriedigenden Situation machen wir uns natürlich Gedanken über die Zukunft des Standorts. Die sehr kurzfristige Kündigungsoption des Vermieters gestaltet sich nach wie vor problematisch, da sie uns jegliche Planungssicherheit nimmt“, erklärt Pressesprecher Axel vom Schemm. Die dringend notwendige Modernisierung des Marktes habe man deshalb vorerst vorerst auf Eis gelegt. Dennoch ist die Pressemitteilung des Bezirkes nicht falsch: „Vertraglich haben wir daher tatsächlich derzeit keine langfristige Perspektive für den Markt“, so vom Schemm. Man sei aber weiterhin „jederzeit gesprächsbereit“.