Kiezgespräch

Veröffentlicht am 06.12.2018 von Nele Jensch

Dass die Autorin Margarete Stokowski eine Lesung in der Münchner Buchhandlung Lehmkuhl abgesagt hat, weil dort ein Regal mit Büchern der Neuen Rechten steht, haben Sie ja wahrscheinlich mitbekommen – Feuilleton und Social Media-Kommentator*innen haben sich ziemlich überschlagen. Dazu sei kurz gesagt, dass die Buchhandlung Lehmkuhl durchaus als linksliberal zu bezeichnen ist – Inhaber Michael Lemling ist allerdings der Meinung, dass man sich kritisch mit rechten Autor*innen auseinandersetzen und dazu ihre Werke kennen sollte. Stokowski wiederum argumentiert, dass der Verkauf rechter Literatur zu einer Normalisierung rechten Denkens in der Gesellschaft führt. Grundsätzlich kann man die Argumente beider Seiten verstehen – auch wenn ein gesundes Demokratieverständnis für die Auseinandersetzung mit Rechts eigentlich ausreichen sollte. Sowohl Lemling als paradoxerweise auch Stokowski wird vorgeworfen, mit der öffentlichen Diskussion die Bekanntheit eben jener Autor*innen zu steigern, deren Haltung sie beide ablehnen.

Was hat das Ganze jetzt mit Xhain zu tun, fragen Sie sich? Nun ja, auch hier gab es Reaktionen, unter anderem von Ben von Rimscha, Inhaber der Buchhandlung Moritzplatz: Aus lauter Empörung über Stokowskis Absage bei Lemling verkündete er, die Bücher der Autorin in seinem Laden nicht mehr vorzuhalten, sondern sie nur noch auf Kundenwunsch zu bestellen. „Margarete Stokowski soll ihre Bücher doch in Zukunft selbst verkaufen!“, so von Rimscha auf Facebook. Er halte „die hysterische Absage von Frau Stokowski für einen beispiellosen Angriff auf die Unabhängigkeit inhabergeführter Buchhandlungen“.

Natürlich ist es von Rimschas gutes Recht, Stokowskis Bücher nicht zu verkaufen – ebenso wie es ihr gutes Recht ist, nicht in Örtlichkeiten zu lesen, in denen sie sich wegen der Präsenz von Sarrazin und Gauland im Bücherregal unwohl fühlt. Nur hätte von Rimscha nicht unbedingt einer feministischen Autorin Hysterie unterstellen sollen und auch sonst niemandem, schon gar nicht Angehörigen des weiblichen Geschlechts – lange genug wurden Frauen, die aus gutem Grund wütend waren, mit diesem Begriff diffamiert und kleingeredet. Und Stokowski war noch nicht mal wütend – sie hat nur für sich entschieden, die Lesung abzusagen und das in einer privaten Mail an Lemling rational begründet.

Drei Tage später relativierte von Rimscha seine fragwürdige Formulierung, machte es dabei aber fast noch schlimmer: „Sollte ich durch die Wortkombination ‚hysterische Absage‘ Gefühle verletzt haben, so bitte ich vielmals um Entschuldigung“, so der Buchhändler. Crazy news: Obwohl wir Eierstöcke haben, läuft auch bei uns Frauen nicht alles ausschließlich emotional ab. Insofern ist das Bitten um Entschuldigung wegen „verletzter Gefühle“ völlig fehl am Platze – mit dem Begriff Hysterie werden nicht „Gefühle verletzt“, sondern der gesunde Menschenverstand wird beleidigt.

Von Rimscha hat es also geschafft, gleich zwei Mal mit sexistischen Formulierungen um sich zu werfen. Und die Geschichte ist immer noch nicht vorbei: Vergangene Woche räumte von Rimscha ein, „dass die Rücksendung der Bücher von Margarete Stokowski nicht gerade eine Meisterleistung gelungener Kommunikation darstellt. Sie war ein Fehler“. Vor allem seine Mitarbeiterinnen hätten es nicht verdient, durch seine Hysterie in die Kritik zu geraten – ups, sorry, bei Männern spricht man (und von Rimscha selbst auch) natürlich von „Impulsivität“. Der Titel von Stokowskis neuem Buch lautet übrigens „Die letzten Tage des Patriarchats“.

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