Kiezgespräch

Veröffentlicht am 11.04.2019 von Nele Jensch

Der Streit um die Markthalle Neun, von dem ich letzte Woche erzählt habe, bewegt die Gemüter der Leute-Leser*innen sehr. Und Ihre Stimmen sollen hier natürlich gehört werden: Nila Sebastian schreibt, dass sie seit 1980 beim Aldi in der Markthalle einkauft. Gerade dadurch, dass sie nicht so groß und unübersichtlich sei, unterscheide sich die Filiale von anderen Discountern. „Man kennt das ganze Personal, wird von manchen sogar auf dem Weg zur U-Bahn gegrüßt, also ein richtiges Kiezfeeling“, erzählt Sebastian. Auch unter den Einkaufenden herrsche eine freundliche Atmosphäre, „niemand stört sich daran, wenn mal Kinder etwas lauter sind“. Auch wenn dm eher dem Konzept der Markthalle entspreche, würden ihr der Aldi und die Menschen, die dort arbeiten, fehlen.

Auch Helmut Hamm von der Markthalle M9 Anwohner-Gruppe hat sich bei mir gemeldet. Sein Problem mit der aktuellen Berichterstattung sei, dass zu viel „bunt durcheinander spekuliert“ werde. Auch Hamm kennt den Kiez seit 1980 und beschreibt, dass hier „ganz viele verschiedene Gruppen sehr viel mehr neben- als miteinander leben“ – in den letzten 40 Jahren habe es keine einzige Frage gegeben, bei der sich alle, die hier länger wohnen, so einig gewesen seien wie jetzt in der Aldi-Frage. „Die einzigen, die es anscheinend immer noch nicht mitkriegen, sind die Markthallen-Betreiber, die immer noch glauben, dass nur die ‚Kapitalismus-Kritiker‘ gegen sie sind“ – das sei eine komplette Verkennung der Tatsachen. Auch stellt Hamm klar, dass „die überwiegende Mehrheit der Anwohner ein Problem mit dem Konzept der Betreiber, nicht mit den Händlern“ hat. Vertrieben werden solle niemand, aber Hamm beklagt, dass die Vielfalt in der Markthalle nicht mehr gegeben sei. „Von vielen Anwohnern wird die Kündigung des Aldi als klares Signal verstanden, dass sie in der Halle nicht mehr erwünscht sind“, so Hamm.

Noch mehr Talk über die Markthalle Neun gibt es online nachzulesen: Am Dienstagabend veröffentlichte die Initiative „Kiezmarkthalle – Markthalle 9 für alle“ ein Protokoll des Anwohner*innen-Gesprächs mit den Markthallen-Betreibern vergangene Woche (von dem ich Ihnen bereits berichtet habe).

Übers Einkaufen kann man aber übrigens nicht nur streiten, manchmal gibt es auch schöne Geschichten zu erzählen. Zum Beispiel diese Anekdote von unserer bereits eingangs zitierten Leserin Nila Sebastian: Neulich drückte sie einem Mann, der eine Tüte H-Milch mit einem Pfandschein bezahlte, zwei Euro von ihrem Wechselgeld in die Hand. Der Mann bedankte sich herzlich und erzählte: „Ich spare auf eine Topfpflanze. Wen ich sie kaufe, denke ich an Sie.“ Sie schäme sich beinahe, mit so einer kleinen Geste einen Menschen glücklich gemacht zu haben, so Sebastian.

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