Kiezgespräch

Veröffentlicht am 26.03.2020 von Corinna von Bodisco

Eine Kreuzberger Straße und ihre Läden – ein Porträt. Normalerweise bin ich viel unterwegs, berichte von Veranstaltungen und führe Medienprojekte in Bildungseinrichtungen durch. Seit zwei Wochen habe ich fast alle Gespräche auf das Telefon verlagert und schreibe nur noch von Zuhause. Ich kommuniziere mit den Schülerinnen und Schülern via Instagram, schicke ihnen Tipps zum Online-Lernen oder gegen Langeweile.

Mein Radius hat sich in den letzten Wochen radikal verkleinert. Seitdem nehme ich die Geschäfte in meiner Straße – der Katzbachstraße – mit ihren Verkäuferinnen und Verkäufern viel intensiver wahr. Gegenüber vom Viktoriapark gibt es zum Beispiel die Bäckerei mit den schwäbischen Spezialitäten („Emmerle“ oder „Mohnberches“). Vor allem sonntags bildete sich dort schon vor Coronazeiten eine Menschenschlange.

Die Schlange gibt es jetzt auch wochentags, denn im Laden sollen nicht mehr als drei Personen gleichzeitig stehen – mit zwei Metern Abstand zur Vorderfrau oder zum Vordermann. „Einmal bitte draußen warten, sind sie so nett?“, bittet die Verkäuferin Nina einen Mann, der einfach so in den Laden kommt, obwohl schon drei Leute drin stehen.

Was sich sonst noch geändert habe? „Die Leute kommen jetzt eher früher“, sagt sie. Deswegen habe die Brezel Back GmbH die Öffnungszeiten angepasst: früher und kürzer (Montag bis Freitag von 7-14 Uhr, Samstag und Sonntag von 7-13 Uhr). Backwaren sind aber genug da – „nur vergangenen Samstag hatte ich bereits um 10 Uhr nichts mehr“, erzählt Nina.

Geschlossen sind der Frisör und die Kneipe am Kreuzberg. Vor ein paar Wochen war die Kneipe noch ein reger beliebter Treffpunkt für Hertha-Fans. „Hier kiekste nich‘ alleene!“, steht auf einem Schild neben dem Eingang. Und wo kieken sie jetzt? Kennen Sie Online-Treffs für Hertha-Fans? Dann schreiben Sie mir: leute-c.bodisco@tagesspiegel.de.

Der Fahrradladen an der Ecke Dudenstraße darf weiterhin geöffnet bleiben (Montag bis Freitag von 10-18.30 Uhr, samstags 10-14.30 Uhr). Virologinnen und Virologen haben immer wieder betont, wie sinnvoll es ist, wenn Menschen, die über kein eigenes Auto verfügen, Fahrrad fahren, statt den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen. Der Senat beschloss, dass Fahrradläden offen bleiben, sie gehören wie Kfz-Werstätten zur Daseinsfürsorge.

Dosenobst, Milch, Butter und Seife. Das alles gibt es neben Getränken, Chips und Süßigkeiten im Späti „Getränkewelt und Mehr“. Nur Toilettenpapier habe sie nicht mehr, letzte Woche wurde die letzte Palette weggekauft, erzählt die Ladenbetreiberin Nurdan.

Ein Rückgang des Geschäfts bemerke sie nicht. Letzte Woche kamen viele Leute in gut gelaunter Partystimmung, hätten Getränke gekauft, um bei dem guten Wetter im Park zu sitzen. Diese Woche sehe sie bei den Kundinnen und Kunden eher Vorsicht und Bedrücktheit.

„Es ist schwer, was gerade passiert.“ Nurdan erzählt, dass im Januar in der Osttürkei ein schlimmes Erdbeben war – und jetzt ist weltweit Coronakrise. Zum Glück gebe es in der Katzbachstraße nette Leute. Ein Nachbar habe ihr kürzlich mit seinem Auto beim Einkaufen geholfen.

Ach, das Café Freiraum! Dieser Ort war – wie der Name schon besagt – immer ein Raum der Freiheit und Auszeit mit selbst gemachten tollen Kuchen, Mittagsgerichten und leckerem Kaffee. Letzte Woche wurde das Café zu einem To-Go-Ort umfunktioniert. „Das war das Erste, was mir einfiel“, meinte die Ladenbetreiberin. „Bitte einzeln eintreten. Danke“ stand auf einem Schild vor der Tür. Innen war der Durchgang zu den Sitzplätzen durch ein auf zwei Barhockern liegendes Brett versperrt.

Ein Wunsch steht auf dem großen Schaufenster, hinter dem ich oft zum Schreiben und Rausgucken saß: „Meine lieben Freunde, Nachbarn und Gäste. Ich wünsche euch viel Energie, Liebe und Frieden in dieser Zeit des Wandels und freue mich euch wiederzusehen. Passt auf euch auf.“

Freiraum geschlossen – möge er wiederkommen. Die Ladenbetreiberin erzählte mir vergangenes Wochenende, sie würde den Laden schließen. Es scheint so, als sei das nun so passiert, obwohl die Öffnungszeiten noch an der Tür stehen. In meiner Küche hängt immer noch eine Tüte mit dem „Freiraum“-Stempel. Wie schön doch freie Räume sind. Auf dass sie wiederkommen mögen!

 

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