Kiezgespräch

Veröffentlicht am 25.06.2020 von Nele Jensch

Bahnfahren in Corona-Zeiten ist so eine Sache – und zwar keine besonders sichere, berichtet die niederländische Journalistin Annemieke Hendriks, die seit 20 Jahren in Berlin lebt, genauer gesagt in Friedrichshain. Am 21. Mai fuhr sie zum ersten Mal seit Monaten in ihre Heimat Amsterdam. Ihr reservierter Sitzplatz im ersten Zug, dem ICE 640 von Gesundbrunnen nach Hannover, sei in Covid19-Zeiten unzumutbar gewesen: „Ich war regelrecht schockiert“, berichtet Hendriks. „Der Zug war überfüllt, alle Sitzplätze um mich herum besetzt, nur der neben mir (zufällig?) nicht.“ Die Passagiere saßen somit mit deutlich weniger als 1,5 Meter Abstand von einander, ohne Kunststoff-Trennwand oder ähnlichen Schutz zwischen den Plätzen.

Ein krasser Gegensatz zu anderen Ländern: „Ich kannte nur Bilder, z.B. aus niederländischen Zügen, worauf etwa zwei Drittel der Plätze unzugänglich gemacht worden waren“, so Hendriks. Deswegen sei sie davon ausgegangen, dass die Deutsche Bahn die Situation ähnlich handhaben würde. Aber Pustekuchen: Auch die Bahnmitarbeiter*innen seien zum Teil nah an die Fahrgäste herangekommen, etwa um Fragen zu beantworten. Das sei nun mal die Bahn-Politik, sagte eine Mitarbeiterin Hendriks (wobei gleichzeitig die Durchsage erklang: „Bitte halten Sie anderthalb Meter Abstand zu Ihren Mitreisenden.“ Wohl ein Witz, vermutet Hendriks).

Für die Rückfahrt nach Berlin versuchte Hendriks per Schreiben an die Bahn, einen „virussicheren Platz“ zu buchen – eine Antwort erhielt sie nie. Wir hingegen auf unsere Presseanfrage schon: „Bei der derzeitigen Auslastung im Fernverkehr ist in der Regel ausreichender Abstand zwischen Reisenden gegeben“, erklärt ein Bahnsprecher, denn die ICE- und IC-Züge seien durchschnittlich nur zu rund 20-30 Prozent ausgelastet. Die Zahl der Reservierungen werde in den Buchungsportalen begrenzt, bei Zügen mit voraussichtlich sehr hoher Auslastung könne außerdem der Ticketverkauf ausgesetzt werden – wobei natürlich immer noch Menschen einfach spontan in den Zug einsteigen können.

Sie merken schon – „in der Regel“, „durchschnittlich“, „kann“. „Um Kunden bereits beim Buchen die Orientierung zu erleichtern, hat die DB eine neue Auslastungsanzeige eingeführt“, erklärt der Sprecher. Kund*innen sehen auf bahn.de und in der App, sobald ein Fernverkehrszug über Vorabbuchungen zu mehr als 50 Prozent ausgelastet ist – hilft natürlich auch nicht viel, wenn man bereits gebucht hat und später viele weitere Fahrgäste ebenfalls den selben Zug nehmen, auch, wenn er bereits höher ausgelastet ist. Sitzplätze würden außerdem grundsätzlich nicht gesperrt, da etwa Familien die Möglichkeit haben müssten, gemeinsam zu reisen, Reservierungsmöglichkeiten von nebeneinander liegenden Sitzplätzen werden nicht eingeschränkt.

Inzwischen ist Hendriks übrigens wieder wohlbehalten in Friedrichshain gelandet, auf dem Rückweg setzte sie sich ins verhältnismäßig leere Fahrradabteil eines ICs. Weitere skurrile Episode: In Amsterdam gab der Schaffner die Devise durch, nur die Fensterplätze zu belegen. „Dies galt aber ab der Grenze Bad Bentheim nicht mehr“, berichtet Hendriks, die extra beim Bahnpersonal nachfragte: In Deutschland durfte man überall Platz nehmen. Logisch, ohne Pass kommt so ein Corona-Erreger ja auch nicht über die Grenze.

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