Kiezgespräch

Veröffentlicht am 22.10.2020 von Nele Jensch

Am Mittwochabend ist in der kürzlich geräumten Liebigstraße 34 ein Feuer ausgebrochen. Etwa 30 Feuerwehrleute rückten aus, um die Flammen zu löschen und brachte die Flammen rasch unter Kontrolle. Gebrannt hatte nicht, wie anfangs befürchtet, das Haus selbst, sondern ein Sperrmüllhaufen davor. Die „Berliner Morgenpost“ berichtet, dass die Polizei von Brandstiftung ausgehe. Mehrere vermummte Personen seien vor dem Brand am Haus gesehen worden. Außerdem sollten sich 50 bis 70 Menschen vor Ort versammelt haben. Auf Twitter sind Bilder und Videos eines Accounts zu sehen, die nahelegen, dass es sich um Brandstiftung handeln könnte: Sie wurden ins Netz gestellt, kurz bevor das Feuer ausbrach, und zeigen das Gerümpel. Auch zeigen sie, dass Schilder und Grablichter vor dem Zaun platziert wurden, der das Gebäude abschirmt.

Die Räumung des „anarcha-queer-feminstischen“ Hausprojekts Anfang des Monats hatte heftige Reaktionen ausgelöst und teils gewalttätigen Protest nach sich gezogen. Auch die Leute-Leser*innen machen sich Gedanken um die Räumung: „In erster Linie bin ich traurig und wütend, dass das passieren konnte“, schreibt uns Audrey Penven. Viele Leute hätten ihr Zuhause verloren – mitten in einer Pandemie und kurz vor dem Winter. Außerdem stehe hinter der Räumung die Frage, wem die Stadt gehöre: „Warum hat ein Investor, dem bereits viele Häuser gehören, mehr Recht auf das Haus als diejenigen, die bereits seit 30 Jahren dort leben?“, fragt Penven.

Penven kommt aus San Francisco und zog nach Berlin, weil die US-Stadt „eine Katastrophe ungleich verteilten Reichtums und eine Tech-Startup-Monokultur“ geworden sei. Die Mieten stiegen unkontrolliert und „alle, die San Fransisco zu einer lebenswerten, lebendigen Stadt gemacht haben – Künstler*innen, Musiker*innen, Theaterleute, Aktivist*innen und so weiter – haben es verlassen“. Sie möchte nicht glauben, dass die Gentrifizierung notwendigerweise alle Städte verändert. In ihrer Wahlheimat Berlin, so glaubt sie, habe das Kapital „noch nicht gewonnen, und vielleicht kommt es auch nicht dazu“. Sie wünscht sich eine Stadt, die den Menschen gehört, die in ihr leben und sie zu dem machen, was sie ist – der Verlust der Liebig 34 schmerzte deshalb sehr.

Dieser Beitrag stammt aus dem Tagesspiegel-Newsletter für Friedrichshain-Kreuzberg. Die Newsletter für alle 12 Berliner Bezirke gibt es kostenlos und in voller Länge hier: leute.tagesspiegel.de

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