Kiezgespräch
Veröffentlicht am 12.05.2021 von Nele Jensch
Vor etwa zwei Wochen erfuhren die Bewohner*innen der Corinthstraße 56 in Friedrichshain, dass ihr Haus verkauft werden soll, und zwar an die schweizerische Blue Rock Group. „Es ist davon auszugehen, dass dieser Kaufinteressent die Wohnungen einzeln als Eigentumswohnungen veräußern möchte, um so den Gewinn zu erhöhen“, erklärt Mieter Mirko Gutjahr, der seit 2009 in der Corinthstraße wohnt. „Was dies für uns Mieter bedeuten kann, muss man nicht erläutern.“ Natürlich gebe es keine entsprechende Ankündigung der Blue Rock Group, doch zeigten andere Fälle im Kiez (und in ganz Berlin) ebendieses Vorgehen von Investor*innen auf.
Aus dem Portfolio der Blue Rock Group selbst gehe außerdem hervor, dass es dem Unternehmen „ganz klar weniger um bezahlbaren und schützenswerten Wohnraum, sondern um Rendite, Gewinn durch Wertschöpfung“ gehe. Tatsächlich besitzt die Firma bereits 13 Wohngebäude in Berlin – und plant, das Portfolio zu erweitern: „Die Hauptstadt-Offensive ist mit diesen Ankäufen noch nicht abgeschlossen: Es sind weitere Investitionen im gleichen Ausmaß in Planung“, heißt es auf der Blue Rock-Homepage. Bis zu 300 Millionen Euro sollen investiert werden.
Da das Haus in einem Milieuschutzgebiet liegt, hoffen die Mietenden, dass ein*e andere*r Käufer*in der Blue Rock Group ihr Haus noch vor der Nase wegschnappen könnte: „Wir sind optimistisch und kämpferisch und wollen alles erdenkliche versuchen, doch noch einen Vorkäufer zu finden“, so Gutjahr. Von den Kaufinteressen in Kenntnis gesetzt wurde die Hausgemeinschaft vom Vorkaufsrat des Bezirksamts. Dieser prüft nun den Fall. Den Mietenden wurde geraten, eine*n eigenen, mieterfreundlichen Kaufinteressenten/Kaufinteressentin zu suchen. Die Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) und ein privater Investor hätten bereits zumindest allgemeines Interesse bekundet, so Gutjahr, diverse andere Angefragte jedoch abgesagt.
Neben den Bemühungen um eine*n Käufer*in organisieren die Mietenden außerdem eine Protestveranstaltung, gemeinsam mit der Organisation „Anti-Ostkreuz-Campus“: Sie beginnt am Sonntag, 16.5., um 14 Uhr vor der Corinthstraße 56. Nach der Auftaktveranstaltung zieht der Protestzug vor das Gelände des künftigen Ostkreuz-Capus‘, „um unseren Unmut gegenüber diesem und weiteren Luxusbauten zum Ausdruck zu bringen“. Die Veranstaltenden weisen darauf hin, dass die Veranstaltung unbedingt unter den gegenwärtig notwendigen Hygienemaßnahmen wie Abstand halten und Maske tragen stattfindet.
Die Hausgemeinschaft ist übrigens das, was man gemeinhin als „Berliner Mischung“ bezeichnet: Alle Altersgruppen sind im Haus vertreten, die Wohndauer differiert von 36 Jahren bis „gerade erst eingezogen“. „Orijinal Berliner“, Hamburger*innen und Menschen aus anderen Teilen Deutschlands und dem Ausland leben in der Corinthstraße 56; Singles, Pärchen und kleine Familien. „Dit passt und soll auch so bleiben. Denn dieser kleine Kosmos des „C56″ stellt ein klassiches Abbild des ganzen Kiezes dar, in dem wir leben“, sagt Gutjahr. Die Blue Rock Group antwortete bis Redaktionsschluss nicht auf eine Presseanfrage hinsichtlich ihrer Kaufabsichten der Corinthstraße 56.