Kiezgespräch

Veröffentlicht am 10.06.2021 von Corinna von Bodisco

Wie sieht „die perfekte Welt“ aus? Dieser Frage, der sich das WelcomeCamp diesmal widmet, klingt nach einer großen Vision und auch etwas utopisch. Am 19. Juni findet das größte Barcamp Europas zu Integration und Willkommenskultur bereits zum zweiten Mal digital statt. Bastian Koch, 42, ist einer der Initiator*innen der Veranstaltungsreihe.

Bastian, das WelcomeCamp fand erstmals 2016 statt – eine Zeit, in der viele Geflüchtete in Europa und insbesondere in Deutschland Schutz suchten. Aus der Perspektive des WelcomeCamps: Was hat sich seither verändert? „Was sich definitiv nicht verändert hat, sind die globalen Fluchtursachen. Nur durch das europäische Abschotten sind die Themen Migration und Integration medial in den Hintergrund gerückt. Die sozialen Folgen jedoch – von Fremdenfeindlichkeit bis hin zu ehrenamtlichem Engagement – sind allgegenwärtig. Auch wenn es in Deutschland nicht mehr um die Situation in Notunterkünften oder die gesellschaftliche Teilhabe geht, wie es noch 2016 der Fall war.“

Was trennt die Gesellschaft von einer „perfekten Welt“? „Davon sind wir noch weit entfernt, das Motto des WelcomeCamps sehen wir vor allem als zukunftsgerichteten Prozess, den wir in der Gegenwart anstoßen müssen. Für eine perfekte Welt müssen wir Ängste und Vorurteile überwinden. Ein Punkt, zu dem wir alle etwas beitragen können: als Gesellschaft nicht nur zu einer Willkommenskultur, sondern zu einer Ankommenskultur zu transformieren. Globale Herausforderungen der Ökonomie und Ökologie sollten wir aber ebenfalls im Blick behalten.“

Was möchtet Ihr erreichen? „Wir sind überzeugt, dass das interdisziplinäre Zusammenkommen besonders erfolgversprechend ist, wenn es nicht um die Unterschiede zwischen Einheimischen und Newcomer*innen geht, sondern  um die Gemeinsamkeiten. Was daraus folgen sollte, werden die Teilnehmenden am 19. Juni erörtern, definieren und  schließlich einfordern.“

Wer nimmt am digitalen Barcamp teil? „Das WelcomeCamp ist aus dem Engagement für Willkommenskultur und Integration unter der Überschrift ‚Refugees Welcome‘ entstanden. Initiativen wie ‚First Aid Lesvos‘, ‚Über den Tellerrand‘ oder ‚Start with Friend‘ tauschen sich hier genauso aus wie die Institutionen UNO Flüchtlingshilfe oder der Verband deutsch-syrischer Hilfsvereine. Ebenfalls dabei sind Projekte zu Bildung, zu Kultur oder Barrierefreiheit. Eingeladen sind jedoch auch Menschen ohne konkrete Organisation im Hintergrund, die sich privat informieren oder engagieren möchten.“

Ihr Macher*innen bezeichnet das WelcomeCamp als „(Un-)konferenz“. Wie ist das zu verstehen? „Der Begriff stammt nicht von uns, sondern ist die relativ freie Übersetzung der englischen Bezeichnung ‚Barcamp‘. Anders als bei einer ‚echten‘ Konferenz steht nur der zeitliche sowie räumliche, in unserem Fall der digitale Rahmen fest. Das inhaltliche Programm bestimmen die Teilnehmenden vor Ort je nach Interessenlage. Die oft zitierte Augenhöhe wird bei einem Barcamp gelebt, alle duzen sich, alle haben dieselben Rechte, losgelöst von gesellschaftlich vorhandenen Hierarchien. Auch zwischen Referent*innen und Publikum wird nicht unterschieden, so dass möglichst viele Perspektiven eingebracht werden können.“

Dieses Jahr – in der zweiten digitalen Ausgabe des Camps – verwendet Ihr die Plattform „gather.town“. Was ist daran besonders? „Videoplattformen erlebten im vergangenen Jahr einen regelrechten Boom, können aber in den seltensten Fällen die persönliche Begegnung ersetzen. Gather.town geht einen sehr spielerischen Weg und bietet den Teilnehmenden die Möglichkeit, sich mit ihrem selbstgestalteten Avatar durch die virtuellen Räume des WelcomeCamps zu bewegen. So werden spontane Begegnungen und Gespräche wieder möglich.  Dafür richten wir ein virtuelles Café ein, bieten Yogakurse, für die Avatare bzw. die Menschen dahinter an und haben sogar zwei Ausstellungen vorbereitet, die das Programm abrunden.“

In welchem Sinne wird das Superwahljahr 2021 beim Camp Thema sein? „Wir gehen davon aus, dass jede*r einzelne einen Beitrag für die zukünftige, hoffentlich perfekte Welt leisten kann und leisten sollte. Doch ohne wegweisende Entscheidungen der Politik in den Bezirken und den Ländern, im Bund und in Europa, sind Veränderungen nur in einem gewissen Maß möglich. Das Superwahljahr werden wir nutzen, um ganz mit Politiker*innen ins Gespräch zu kommen und sie mit den Forderungen und Visionen der Teilnehmenden zu konfrontieren.Zusätzlich gibt es den in unserem Projekt realisierten Politik-Podcast ‚Hi Society‘, der beim WelcomeCamp auf Stimmen- sowie Stimmungsfang geht und Möglichkeiten der politischen Partizipation auch ohne eigenes Wahlrecht zu vermittelt. Spannend wird auch, wie das Publikum an unseren virtuellen Wahlurnen die bekannte Sonntagsfrage beantwortet.“

  • Die Anmeldemöglichkeit ist über das Kontaktformular bis zum 17. Juni (12 Uhr), geöffnet. Webseite: www.welcomecamp.de
  • Veranstalter*innen: Gesicht Zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland e.V. im Projektteam Media Residents, gefördert vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV)
  • Politik-Podcast Hi Society:media-residents.de/podcast-hi-society/

 

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