Nachbarschaft
Veröffentlicht am 23.11.2017 von Nele Jensch
Georg Weber, 36, war Produktentwickler im Tourismus und arbeitet mittlerweile Vollzeit an der kulinarischen Kartographie Berlins – seit 2016 veröffentlicht er auf seinem Blog sattundfroh.de jeden Tag eine Rezension über ein Restaurant oder ein Café, mittlerweile hat er sich durch über 500 Läden gefuttert.
Es gibt zahllose Restaurantführer und Food-Blogs in und über Berlin – was unterscheidet sattundfroh.de von den anderen?
Ich mache alles selber. Jedes der über 2000 Photos auf meiner Seite ist von mir, natürlich auch alle Texte und es gibt jeden einzelnen Tag einen neuen Eintrag, sieben Tage die Woche. Ich esse in ähnlichen Lokalen immer ähnliche Gerichte. Das wird nicht langweilig, denn jeder kocht die Gerichte auf seine Weise und außerdem kann ich so gut vergleichen. Wenn ich schreibe, das und das zeichnet diese vietnamesische Pho oder jenen Burger aus, dann kann jeder nachlesen, dass ich auch wirklich viele andere in Berlin probiert habe.
Du kommst aus Wien – was unterscheidet die Foodszene in Berlin von der in deiner Heimatstadt?
Ursprünglich bin ich vom Land, aus dem Waldviertel. Aber ich habe in Wien studiert. Vergleicht man die beiden Städte würde ich sagen: Gar nicht so viel. Die urbanen Trends sind global. Schicke Coffeeshops mit Flat White und Avocado Toast gibt es heute in fast allen Großstädten dieser Welt. Berlin ist bei Trends ein bisschen früher dran und es ist insgesamt mehr los. Es gibt wirklich sehr viele Lokale in Berlin und es tut sich einiges. Die traditionelle Küche ist natürlich anders. Eisbein finde ich leichter in Berlin, Beuschel und Saftgulasch eher in Wien.
Wie ist die Restaurant-Szene in Berlin insgesamt betrachtet so – kannst du mehr Positives berichten oder überwiegen die negativen Rezensionen?
Ich kann mehr Positives sehen, aber das liegt auch daran, dass ich ein fröhlicher Mensch bin. Es ist sehr viel los in Berlin und für jeden Geschmack ist was dabei, weil das Angebot so breit ist. Und sogar wer sich lieber empört und beschwert, findet sicher was Passendes für seinen Ärger. Weil einfach alles da ist.
Was war das Ekligste, was du jemals serviert bekommen hast?
An etwas besonders Ekliges kann ich mich nicht erinnern. Enttäuschend für jeden Gast ist aber, wenn selbst die Besitzer kein Interesse an ihrem Produkt haben. Man merkt es schon deutlich, wenn jemand überhaupt keinen Bock auf Essen und Gastronomie hat und dann aus welchen Gründen auch immer trotzdem ein Lokal betreibt.
Auf deinem Blog wird nur sehr wenig Werbung geschaltet – wie finanzierst du dich? Es geht ja schließlich ganz schön ins Geld, jeden Tag auswärts zu essen.
Ja, und in den nächsten Monaten geht mir wahrscheinlich das Geld aus. Finden sich mehr Leser, dann gibt es auch mehr Geld für die seltene Werbung und ich kann die Seite weiter betreiben, ohne sie mit nervig blinkenden Bannern zu überfrachten. Ich möchte wirklich eine sinnvolle Seite betreiben, die allen Spaß macht und nutzt.
Nervt es dich als professionellen Food-Blogger, dass in Berlin jede*r seinen Kaffee instagrammt?
Nein, überhaupt nicht. Die haben nicht weniger Recht dazu als ich. Ich mache nichts anderes, nur eben ausdauernder und systematischer.
Du lebst im Boxhagener Kiez – was ist dein absolutes Lieblingsrestaurant in deiner Nachbarschaft?
Der Haferkater. Mein liebstes Frühstück. Ich steh einfach total drauf.
Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-n.jensch@tagesspiegel.de