Unter Nachbarn

Veröffentlicht am 06.12.2017

Curt Bejach, geb. 1890, war in den Zwanziger Jahren Stadtarzt in Kreuzberg und Mitbegründer des Gesundheitshauses am Urban. 1944 wurde er von den Nazis in Auschwitz ermordet.

Die Zwanziger Jahre in Berlin waren nicht für alle golden und nicht überall. Das noch junge Kreuzberg – der Bezirk entstand erst 1920, zuvor hieß es Bezirk Hallesches Tor – ist damals kein Amüsier-, sondern ein Arbeiterviertel, und zwar ein chronisch überbevölkertes. Mehr als doppelt so viele Menschen wie heute leben Anfang der Zwanziger Jahre im Bezirk und hausen oft dicht an dicht in überbelegten Wohnungen, die hygienischen Verhältnisse sind eher bescheiden. Ideale Bedingungen für Krankheiten also: Die Tuberkulose hat Kreuzberg fest im Griff. In diesem Moloch kommt 1921 der jüdische Arzt Curt Bejach an. Er zieht in eine Wohnung in der Gneisenaustraße mit dem Ziel, die „weiße Seuche“ zu bekämpfen. Ein Jahr später wird Bejach Kreuzberger Stadtarzt. Stadtärzte sollen den Gesundheitsangeboten vorstehen, von denen es in Kreuzberg bereits einige gibt: Das Krankenhaus am Urbanhafen etwa, eine städtische Kleinkinderfürsorge, Schulärzte, Angebote für Alkoholiker, die Diakonissenanstalt Bethanien.

Als SPD-Mitglied fordert Bejach bessere Lebensbedingungen für die ärmeren Schichten. Gleichzeitig ist er Sozialhygieniker, der eine Art sozialistische Eugenik vertritt: Er hofft, dass Paare mit bestimmten Krankheiten „im Interesse der Menschheit“ davon absehen, Kinder zu bekommen. Vor allem aber will der Mediziner die hygienischen Umstände verbessern und die Bevölkerung aufklären. 1925 ist er einer der Gründer des „Gesundheitshauses am Urban“, in dem nicht nur behandelt, sondern auch informiert wird: Eine Dauerausstellung im ersten Stock behandelt Themen von der Körperhygiene bis zur Straßenreinigung, im Erdgeschoss werden Tuberkulosekranke und Drogenabhängige versorgt. Es gibt ein chirurgisches und zahnärztliches Ambulatorium sowie eine Ehe- und Sexualberatungsstelle. Die Einrichtung ist das erste kommunale Zentrum für präventive Medizin in Berlin und wird in den folgenden Jahren zum Vorbild für ähnliche Zentren in anderen Bezirken.

1928 lässt sich Bejach von Erich Mendelsohn ein Wohnhaus in Wannsee errichten, doch das Glück am Stadtrand währt nur kurz: 1931 stirbt Bejachs Frau Hedwig, ausgerechnet an Tuberkulose. Nach der Machtübernahme der Nazis verliert Bejach 1933 erst seinen Posten als Kreuzberger Stadtarzt, 1938 dann auch seine Approbation als Arzt. Fortan darf er nur noch jüdische Patienten versorgen. 1939 gelingt es ihm, seine beiden jüngeren Töchter durch einen Kindertransport nach Großbritannien in Sicherheit zu bringen, die dritte überlebt die NS-Herrschaft als Zwangsarbeiterin. Bejach selbst bemüht sich vergeblich um ein Visum für die USA – im Januar 1944 wird er ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Im September kommt er dann nach Ausschwitz, wo er vermutlich kurz nach seiner Ankunft ermordet wird. Das ehemalige Gesundheitshaus am Urban wird im Krieg durch Bombenangriffe zerstört. Heute befindet sich an gleicher Stelle (Urbanstraße 24) das bezirkliche Gesundheitsamt, das seit 2015 Curt-Bejach-Gesundheitshaus heißt. Nele Jensch

Ein ausführliches Portrait Bejachs lesen Sie hier.

Foto: Hentrich & Hentrich

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