Nachbarschaft

Veröffentlicht am 01.02.2018 von Nele Jensch

Lothar Eberhardt, geb. 1954, ist einer der Xhainer, die den Bezirk zu dem machen, was er ist: Bewegt, bunt, engagiert.

Vor Kurzem erreichte die von Eberhardt mitgegründete Initiative „Gedenkort Fontanepromenade 15“, dass ein Teil des Gebäudes, das in der Nazizeit als „Zentrale Dienststelle für Juden“ diente, zu einem Gedenkort an Zwangsarbeit und Ermordung wurde. Erinnerungskultur spielt schon lange eine zentrale Rolle in Eberhardts Leben: Als junger Mann sah er den Film  „Vergeben, aber nicht vergessen“ der Naturfreundejugend Württemberg, der einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterließ. Darin wird die NS-Zeit in der Waffenfabrik Mauser im baden-württembergischen Oberndorf am Neckar dokumentiert, in der 6.000 Zwangsarbeiter*innen schuften mussten. 1993 reiste Eberhardt nach Sankt Petersburg und führte diesen Film ehemaligen Arbeiterinnen aus der Waffenfabrik vor. Später fuhr er mit vier von ihnen durch Süddeutschland, organisierte Diskussionsveranstaltungen, gab Interviews, ging mit den ehemaligen Zwangsarbeiterinnen in Schulen und Rathäuser.

„Ich habe politisch denken gelernt und das Staffelholz aufgenommen“, erklärt Eberhardt seinen sozial-politischen Werdegang. 1972 verließ er seine schwäbische Heimat, um an der Universität Marburg als Chemisch-Technischer Assistent zu arbeiten; im studentischen Umfeld politisierte sich der junge Mann, verweigerte den Kriegsdienst mit der Waffe und nahm an Antikriegs-Demonstrationen teil. „20.000 Menschen haben in Dortmund gegen den Vietnam-Krieg protestiert“, erzählt Eberhardt. „Das war schon ein Erlebnis.“ Auch den Naturfreunden, mit denen er bereits in der Schule in Kontakt gekommen war, trat er nun bei. Die Naturfreunde sind eine der ältesten und größten Umwelt- und Freizeitorganisationen weltweit, gegründet wurden sie 1895 als Touristenverein der Arbeiterbewegung in Wien. „Die Naturfreude haben die Berge demokratisiert“, sagt Eberhardt. Sie kämpften gegen die Privilegien von Adel und Bürgertum und für eine freie, allen Menschen zugängliche Natur. Heute, so Eberhardt, verstünden sich die Naturfreunde vor allem als linker Freizeitverband.

1979 zog Eberhardt nach Berlin, in die Yorckstraße, um Psychologie zu studieren, und schlug bald Wurzeln im Kiez: Auch, wenn Schwaben seine Heimat geblieben sei, „wurde Kreuzberg mein Zuhause.“ Seit über zehn Jahren ist er inzwischen bei der Xhainer Ortsgruppe der Naturfreunde Berlin aktiv. „Ich würde mich vor allem als politischen Naturfreund bezeichnen, auch, wenn das irgendwie auf alle zutrifft“, sagt Eberhardt. In Xhain werden unterschiedlichste Aktivitäten angeboten, wie Kiezspaziergänge, Kräuterwanderungen und Kletterkurse, auf denen immer auch sozialpolitische Themen behandelt werden. Die Naturfreunde  engagieren sich in der Verkehrs- und Umweltpolitik, der Anti-Atom-Bewegung und in antirassistischen Bündnissen; sie sitzen auch mit am Berliner Energietisch.

Eberhardt blieb seinem Engagement in der Erinnerungskultur treu: Auf die Reise mit den ehemaligen sowjetischen Zwangsarbeiterinnen folgte 1994 der Stukenbrocker Appell zur finanziellen Unterstützung sowjetischer NS-Opfer und der Potsdamer Appell zur Rehabilitierung aller „NS-Militärjustizopfer“. Gleichzeitig gründete Eberhardt mit seinen politischen Mitstreitern die „Gedenktafelinitiative Franz Jägerstätter“, eines von den Nazis ermordeten Kriegsdienstverweigerers. Gemeinsam mit Freund*innen initiierte er außerdem die Veranstaltung „Griechenland unter dem Hakenkreuz.“ „Für mich geht es im Leben immer um das Thema Gerechtigkeit“, sagt Eberhardt. „Man muss sich im Spiegel angucken können.“ Gegen diejenigen, die ungerechte Strukturen schaffen, geht Eberhardt deshalb an, auch, wenn das oftmals schwierig sei. Sein Handeln sei auch christlich motiviert, in dem Sinne, dass er seinen Mitmenschen dienen wolle.

Auch in seinem direkten Umfeld spricht Eberhardt an, was ihn stört: 1979 engagierte er sich stadtteilpolitisch im Chamisso-Kiez und half dabei, den Chamissoplatz im Rahmen eines internationalen Workcamps umzugestalten. Heute würde er gerne das Dragoner Areal zum Geschichtsort entwickeln. Die Bergmannstraße, kritisiert Eberhardt, sei aufgrund des Touristenansturms mittlerweile zum „Kudamm Kreuzbergs verkommen“. Dabei sieht er grundsätzlich durchaus positive Aspekte des gestiegenen touristischen Interesses an Berlin, wie die vielen multikulturellen Begegnungen, die dadurch ermöglicht werden. Dennoch, so Eberhardt sei Nachhaltigkeit auch in diesem Bereich zentral. Sein Vorschlag: „Die Innenstadt für den Individualverkehr sperren, nur noch Busse und Lieferverkehr durchlassen, Mieten runter, Flugpreise rauf, Stühle auf die Straße.“ Eberhardt steht nicht gerne wortgewaltig im Rampenlicht, sondern handelt lieber. Um auf sein Wirken aufmerksam zu machen, schlug seine Tochter ihn 2007 für den „Panter-Preis“ der taz vor, mit dem „Helden des Alltags“ geehrt werden. In der Begründung schrieb sie: „Lothar Eberhardts sozial-politisches Engagement gehört gewürdigt als das eines Arbeiters für die Menschenwürde und gegen das Vergessen.“ Den Preis gewann am Ende zwar jemand anderes, aber um Auszeichnungen geht es Eberhardt auch nicht: „Man darf nicht immer nur den eigenen Vorteil sehen. Das ist es, was die Welt verändert.“

Foto: kappa photo

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