Nachbarschaft

Veröffentlicht am 29.03.2018 von Robert Klages

Über die Wagenburg an der Kreuzberger Ratiborstraße wird zurzeit viel diskutiert, da dort eine Unterkunft für Geflüchtete entstehen soll (Hintergründe hier). Wir lassen das Kollektiv, das von diesen Planungen betroffen ist, zu Wort kommen.

Seit 18 Jahren leben wir auf dem Gelände in der Ratiborstraße 14c. Wir sind 14 Personen, zwischen 4 und 50 Jahren und unterschiedlicher Nationalitäten. Wir haben uns für diese alternative Wohnform entschieden, da es uns die Möglichkeit gibt, unsere Umwelt selbst zu gestalten, und den Raum bietet, solidarisch und kollektiv miteinander zu leben. Das heißt, wir tragen alle alltäglichen Kosten je nach Einkommen und Möglichkeiten gemeinsam, haben eine gemeinsame Infrastruktur. Dies bietet für uns die Voraussetzung temporär oder auch langfristig Personen in prekären Situationen zu unterstützen und aufzunehmen. Für die Öffentlichkeit werden auf dem Gelände nichtkommerzielles Pizza- und Brotbacken im Lehmofen, Kaffee- und Kuchenverköstigungen und kulturelle Vorführungen veranstaltet. Eine Fahrradwerkstatt, Probeflächen für Musik- und Theatergruppen, sowie ein Saunawagen, werden von externen Gruppen unkommerziell genutzt.

Wir begrüßen Geflüchtete in Kreuzberg und auch auf unserem Gelände. Seit einiger Zeit versuchen wir – die Handwerksbetriebe, Biergarten, Kita und der Wagenplatz – mit dem Bezirk an einem gemeinsamen Konzept zu arbeiten. In solch einem Konzept könnte sowohl die derzeitige Nutzung, als auch menschenwürdiges Wohnen für Geflüchtete Platz finden. Wir sind der Auffassung, dass hier alle Platz finden. Bisher konnten uns jedoch weder Bezirk noch Senat konkrete Fakten zur Bauweise der geplanten Unterkünfte und Anzahl der unterzubringenden Menschen liefern. Dieses Gelände ist nicht ungenutzt, sondern bietet für viele Menschen eine existenzielle Grundlage. Wenn wir jedoch in die Planung nicht mit einbezogen werden, drängt sich der Eindruck auf, dass hier „Gruppen“ gegeneinander ausgespielt werden.

Angesichts der derzeitigen städtischen Entwicklungen in Kreuzberg – in der direkten Nachbarschaft soll bspw. der „Google Campus“ bald eröffnen – sehen wir keine realistischen Alternativen zu diesem Standort. Sowohl für uns als Wagenplatz als auch für die Gewerbetreibenden gibt es keine bezahlbaren Räume und Flächen mehr, denn wir können und wollen nicht mit Start-ups, Touristencafes, Zalando und Google um die wenigen verbliebenen Räume und Flächen konkurrieren.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-n.jensch@tagesspiegel.de