Nachbarschaft

Veröffentlicht am 03.05.2018 von Nele Jensch

Dr. Katharina Mahne, 41, ist Soziologin und hat lange in der Altersforschung gearbeitet; jetzt coacht sie Menschen zu Themen rund um den Ruhestand.

Ein Coaching für den Ruhestand – das klingt erstmal ungewöhnlich. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein eigentlich auf berufstätige Menschen ausgerichtetes Angebot auf eine ganz andere Lebensphase zu übertragen?

Der Übergang in den Ruhestand ist ein spannendes biografisches Ereignis. Mit der Erwerbstätigkeit fällt nicht nur eine Rolle weg, die für viele Menschen identitätsstiftend und sinngebend ist. Auch die Tagesstruktur wird über den Haufen geworfen. Plötzlich gibt es viel freie Zeit, die ganz eigenständig gestaltet werden muss und der tägliche Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen fällt weg. Dafür gibt es auf einmal mehr gemeinsame Zeit für die Partnerschaft und man muss sich ganz neu im Alltag einspielen. Außerdem: Wir können das vorher nicht üben! Andere wichtige Ereignisse erleben wir mehrfach – zum Beispiel einen Umzug, einen Jobwechsel oder Verluste – und können unsere Erfahrung dann für das nächste Mal nutzen.

Erleben alle Menschen den Übertritt in den Ruhestand gleich oder hilft es, wenn man abseits seiner Berufstätigkeit schon vorher viele Hobbys und Freunde hat und sich vielleicht sogar ehrenamtlich engagiert?

Viele machen sich über ihren anstehenden Ruhestand erstmal kaum Gedanken. Manche fürchten den drohenden Verlust von Anerkennung und Wertschätzung – das „Gebraucht-Werden“ – das sie im Beruf erfahren. Gerade Führungskräften kann es besonders schwer fallen, vom Job und der damit verbundenen Verantwortung los zu lassen. Andere wiederum sprudeln nur so über vor Ideen und Projekten. Trotzdem sind sie nicht gefeit davor, irgendwann in ein Loch zu fallen. Ich habe Menschen in der Beratung – topfit, sehr aktiv, interessiert und gut sozial eingebunden – und nach wenigen Wochen im Ruhestand in der totalen Krise und Lähmung. Einfach deshalb, weil die Freizeit bislang definiert war als Gegenstück zur Arbeitszeit. Ohne diese Struktur kommen viele ins Straucheln bei der Umsetzung ihrer Pläne. Es kann also durchaus Sinn machen, manche Rituale aus dem Arbeitsleben in den Ruhestand rüber zu retten. Zum Beispiel von Montag bis Freitag den Wecker zu stellen – der muss ja nicht mehr unbedingt um 6:30 Uhr klingeln…

Inwiefern kann ein Coaching den Übergang erleichtern?

Menschen, die zu mir in die Beratung kommen, gewinnen Klarheit darüber, was ihnen wichtig ist für die letzten Jahre im Beruf, und entwickeln Ideen für die Gestaltung ihrer Zeit im Ruhestand. Sie lernen, wie sie ihre Pläne Schritt für Schritt gut umsetzen können. Aber auch Strategien, wie sie am besten mit Schwierigkeiten – und die wird es sicher geben – umgehen können, sind Thema. In der Beratung geht es darum, eine Situation zu schaffen, in der aus eigener Kraft Lösungen entwickelt werden. Mit Hilfe meiner Fragen schauen die Klientinnen und Klienten aus einer neuen Perspektive auf ihre Lebenssituation. Das weckt Kreativität und schafft neue Handlungsoptionen.

Richtet sich Ihr Angebot nur an Menschen, die angestellt sind, oder auch an Arbeitgebende?

Auch für Arbeitgeber ist der Ruhestand ihrer Mitarbeitenden zunehmend ein Thema. Drohender Fachkräftemangel und die Sicherung von Erfahrungswissen sind für Unternehmen drängende Fragen im demographischen Wandel. Schließlich verlassen bis Mitte der 2030er Jahre mit den geburtenstarken Jahrgängen der Babyboomer gut 13 Millionen Menschen den Arbeitsmarkt – das entspricht in etwa 36 Prozent aller derzeit Erwerbstätigen. Ein rechtzeitiger Dialog mit den Mitarbeitenden kann dazu beitragen, die letzten Jahre im Unternehmen möglichst gewinnbringend für beide Seiten zu gestalten – oder Mitarbeitende sogar als Senior Expertinnen und Experten im Unternehmen zu halten. Innerbetriebliche Maßnahmen für ältere Mitarbeitende, die über Rückenschule und Stressbewältigung hinausgehen, drücken Wertschätzung aus, motivieren und binden an das Unternehmen. Das strahlt auch auf jüngere Bewerberinnen und Bewerber aus!

Haben Sie ein paar Ad-hoc-Tipps für Menschen, bei denen der Ruhestand in Reichweite ist?

Halten Sie sich fit und pflegen Sie Ihre sozialen Beziehungen. Reduzieren Sie Ihre Arbeitszeit nicht von 100 auf 0. Planen sie Aktivitäten und beginnen Sie damit am besten schon während der Berufstätigkeit. Planen Sie außerdem längerfristig und über die ersten Wochen und Monate im Ruhestand hinaus. Wie gesagt, den Ruhestand können wir nicht üben. Aber die Forschung zeigt eben auch: Eine rechtzeitige und bewusste Vorbereitung hilft beim Übergang in diese neue Lebensphase.

Sie leben und arbeiten in Kreuzberg – was macht den Kiez in Ihren Augen besonders?

In Berlin lebe ich seit 20 Jahren, in Kreuzberg seit 13 Jahren. Nirgendwo in Berlin finde ich die Mischung so spannend wie hier. In Kreuzberg ist das Miteinander der Kulturen und Generationen einfach über viele Jahrzehnte gewachsen. Das fand ich auch für meinen Sohn gut. In letzter Zeit verändert sich Vieles – und ich finde, leider nicht immer zum Guten. Manchmal ist mir einfach zu viel Party überall. Was aber viel gravierender ist: die steigenden Mieten, die eben genau diese spezielle Kreuzberger Mischung gefährden. Selbständigen, die nicht immer verlässlich und regelmäßig Einkünfte haben, kann das ganz schön Angst machen…

Infos, Newsletter und Blog finden Sie unter mahne-coaching.de, Kontakt über post@mahne-coaching.de oder unter 01578/7198198.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-n.jensch@tagesspiegel.de