Nachbarschaft

Veröffentlicht am 31.05.2018 von Corinna von Bodisco

Gabriele Rohmann, Sozialwissenschaftlerin, Journalistin, Mitbegründerin und Leiterin des Archivs der Jugendkulturen e.V.
Daniel Schneider, Kulturwissenschaftler und Projektleiter vom „Berliner Pop-und Subkulturarchiv“, sitzt im Vorstand des Vereins.

Wie entstand das Archiv der Jugendkulturen? Rohmann: Das Archiv der Jugendkulturen haben wir 1997 als gemeinnützigen Verein gegründet. Wir sind sieben Menschen aus Medien, Wissenschaften, Pädagogik und Jugendszenen. Über Jugendkulturen wie Skinheads, Punk, Hiphop oder „Grufties“ kursieren viele Halbwahrheiten. Zwei Beispiele: „Skins sind alle rechts“ oder „Grufties lieben Satanismus“. Es gibt rechte Skins, aber insgesamt gibt es Szene-Gänger von politisch ganz links bis nach ganz rechts. Genauso gibt es in der so genannten „Schwarzen Szene“, früher auch bekannt als „Grufties“, Satanismus als Randbereich, aber viel wesentlicher ist in dieser Szene eine Auseinandersetzung mit christlicher Religion. Nicht alle in dieser Szene sind Satanisten. Stereotype und Vorurteile gibt es so ziemlich über jede Szene, weswegen es wichtig ist, sich mit Jugendkulturen tiefer und differenzierter auseinanderzusetzen. Genau das fehlte damals in Deutschland. Wir haben einen Ort dafür geschaffen: Für Begegnung mit Menschen aus den Szenen, Networking, Vermittlung, Dokumentation und Archivierung von Jugendkultur-relevanten Materialien wie Fanzines, Bücher, Flyer, Plakate, wissenschaftliche Arbeiten, Ton- und Bildträger.

Was sind Fanzines? Daniel Schneider: Das sind selbstgemachte Zeitschriften, die innerhalb der Szenen zirkulieren.

Und was findet im Archiv statt? Rohmann: Für uns steht das Dokumentieren und Archivieren im Zentrum, aber auch unsere Bildungsarbeit. Wir sind ein lebendiges Archiv: Wir betreiben intensiv kulturelle und politische Jugend- und Erwachsenenbildung zusammen mit Menschen aus den Szenen. Wir bieten inzwischen über 60 verschiedene Workshop-Themen und Vorträge an. Zu Jugendkulturen allgemein, aber oft im Kontext von Diskriminierungen wie Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, Rechtsextremismus oder Homo- und Transfeindlichkeit. Außerdem bieten wir im Kontext von Stadtwahrnehmung und -entwicklung Graffiti-Spaziergänge durch Berlin an, konzipieren und realisieren Ausstellungen. In den letzten 14 Jahren haben wir mehr als 20 Ausstellungen präsentiert, zuletzt 2017 unsere Wanderausstellung „Der z/weite Blick“ über Jugendkulturen und Diskriminierungen.

Was wird bewahrt? Schneider: Wir sammeln alles, was mit jugend- und subkulturellen Szenen zu tun hat, vor allem Zeitschriften, Fanzines und andere „Flachware“, also Poster, Flyer etc. Außerdem haben wir einen großen Musik- und Filmbestand und sammeln Objekte wie T-Shirts, Buttons oder Kunstgegenstände aus den Bereichen Graffiti oder Clubdekoration. Daneben gehören natürlich auch echte Nachlässe zur Sammlung: von Szeneakteuren, Initiativen und Unternehmen. Daneben sammeln wir Quellen aus dem popkulturellen Mainstream, vor allem aus Musik-, Popkultur- und Jugendzeitschriften wie Tempo, Bravo, Spex oder Neon. Damit decken wir das ganze Spektrum ab, in dem sich Phänomene wie Hip-Hop oder Punk häufig bewegen: vom tiefsten Underground bis zum kommerziellen Mainstream.

In welchem Umfang? An Zeitschriften und Fanzines haben wir jeweils circa 50.000 Einzelhefte. Wir sammeln international und haben Punkfanzines aus rund 50 Ländern. Die Sammlung wächst stetig, weil immer mehr ehemalige Szeneaktive in ein Alter kommen, in dem sie ihre Sammlungen und andere Materialien loswerden wollen. Bisher existieren kaum andere Archive, die solche Materialien annehmen. Daneben haben wir eine Präsenzbibliothek mit Fachbüchern zu allen bei uns relevanten Themenbereichen.

Wenn ich die Bravo-Erstausgabe von 1956 suche – finde ich diese im Archiv? Naja, die erste Ausgabe haben wir nur als Nachdruck – aber es gibt immerhin ein paar andere Ausgaben von 1956 in der Sammlung.

Es gibt noch das Projekt Berliner Pop- und Subkulturarchiv. Was hat es damit auf sich? Inhaltlich dreht es sich um wichtige Berliner Szenen, wie Punk, Techno und Graffiti, aber auch die Beat-Szene der 1960er Jahre oder das was aktuell in queeren Kontexten so passiert. Es ist auch ein regionalgeschichtliches Archiv mit viel Material aus Berliner Kontexten, beispielsweise den Nachlass der Firma Planetcom, die bis 2003 die Loveparade veranstaltet hat, oder Tausende an Fanzines und anderen Underground-Medien. Mit diesem lokalen Bezug sind wir sowas wie das Gedächtnis der Szenen. Wichtig war uns auch die Begrifflichkeit, da wir oft nur als „Jugendarchiv“ wahrgenommen werden. Wir sind aber auch ein Archiv, das Material aus und über unterschiedliche subkulturelle Szenen – was häufig Jugendkulturen sind – genauso wie den popkulturellen Mainstream sammelt. Dadurch sind Studierende und Wissenschaftler aus geschichts- und kulturwissenschaftlichen Fächern auf uns aufmerksam geworden.

Wie wurde das Projekt finanziert? Es wurde von der Berliner Lotto-Stiftung bis Frühjahr 2016 gefördert und war unser erstes großes Archivprojekt. Für ein unabhängiges Archiv wie uns ist es schwierig, Förderung für den Aufbau einer Archiv-Infrastruktur und die tatsächliche Arbeit zu bekommen. Also das Sortieren, Erfassen und Erschließen von Quellen oder die Betreuung von Nutzern. Durch dieses geförderte Projekt konnten wir einen großen Schritt Richtung Professionalisierung gehen, bspw. mit einer Online-Datenbank. Wir profitieren nachhaltig von der Förderung, sind aber leider im Moment wieder unterbesetzt, was sich hoffentlich bald durch ein neues Projekt wieder ändern wird.

Könnte jede Initiative oder Jugendredaktion, die Zeitschriften herausgibt, diese bei euch einlagern? Rohmann: Grundsätzlich ja, aber der Bestand sollte in unser Sammlungskonzept passen, also den Fokus auf Jugend, Jugendkulturen, Pop- und Subkulturen haben. Wir freuen uns aber immer über Interesse und Anfragen.

Illustration: Tine Fetz

Das Archiv der Jugendkulturen sitzt in der Fidicinstraße 3. Interessierte können nach voriger Anmeldung (030-6942934 oder an archiv@jugendkulturen.de) in das Archiv kommen, recherchieren, Graffiti-Spaziergänge oder Veranstaltungen für Jugendliche und Erwachsene buchen. jugendkulturen.de

Und wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: corinna.bodisco@extern.tagesspiegel.de.

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