Nachbarschaft

Veröffentlicht am 08.11.2018 von Nele Jensch

Die Friedrichshainerin Yohanna Berhe, 25, ist ONE-Jugendbotschafterin. Sie setzt sich für mehr und bessere Entwicklungszusammenarbeit im Kampf gegen extreme Armut weltweit ein. (Foto: Berhe, links, im Bundestag mit anderen Jugendbotschafter*innen und den CDU-Abgeordneten Carsten Körber und Klaus-Dieter Gröhler)

Die Zahl der von extremer Armut betroffenen Menschen sinkt seit Jahrzehnten, die globale Armutsrate hat einen historischen Tiefpunkt erreicht. Es ist aber trotzdem noch lange nicht alles gut, oder?

Seit 1990 ist der Anteil der von extremer Armut betroffenen Menschen von 35 auf 10 Prozent gesunken. 72 Entwicklungsländer haben es geschafft, den Anteil der Menschen, die an Hunger leiden, zu halbieren. Die internationale Entwicklungszusammenarbeit konnte also deutliche Erfolge verzeichnen. Allerdings gibt es noch viel zu tun: Weltweit lebt noch immer jeder zehnte Mensch in extremer Armut, 224 Millionen Kinder sind gefährlich unterernährt und über 130 Millionen Mädchen gehen nicht in die Schule. Zudem haben noch immer zu viele Menschen keinen Zugang zu grundlegender medizinischer Versorgung.

Wie hilft man von Berlin aus Menschen, die im globalen Süden unter Armut leiden?

Als ONE-Jugendbotschafterin möchte ich den von Armut betroffenen Menschen im globalen Süden eine Stimme geben. Hierzu informiere ich Berliner*innen über entwicklungspolitische Themen, um Unterstützer*innen für die Bekämpfung extremer Armut zu gewinnen, dieses Jahr zum Beispiel mit Ständen auf dem Karneval der Kulturen und dem Lollapalooza-Festival. Zudem treffe ich mich mit Politiker*innen, um von ihnen klare entwicklungspolitische Zusagen einzufordern. Im Zuge der Haushaltsverhandlungen 2019 habe ich gemeinsam mit anderen Jugendbotschafter*innen unter anderem Carsten Körber (CDU), Klaus-Dieter Gröhler (CDU), Heike Baehrens (SPD) und Cornelia Möhring (Die Linke) getroffen. In diesen Gesprächen haben wir uns vor allem dafür eingesetzt, dass Deutschland sein Versprechen hält, 0,7 Prozent seiner Wirtschaftskraft für Entwicklungszusammenarbeit auszugeben.

Leistet das Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit in deinen Augen gute Arbeit oder sollte Deutschland mehr tun im Kampf gegen die globale Armut?

Das Entwicklungsministerium hat sich richtigerweise die Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen und die Bekämpfung extremer Armut zum Ziel gesetzt. Um diese Ziele zu erreichen, muss das Ministerium aber deutlich mehr Mittel bekommen und diese Mittel effektiver einsetzen. Seit 1970 hat Deutschland zugesagt, 0,7% seiner Wirtschaftskraft für Entwicklungszusammenarbeit auszugeben, der aktuelle Koalitionsvertrag bekräftigt dieses Ziel. Nach aktuellem Stand des Haushaltsentwurfes für 2019 wird Deutschland dieses Versprechen nicht nur nicht einhalten, sondern sich sogar von ihm entfernen. In der aktuellen Haushaltsbereinigungssitzung kann noch entschieden werden, mehr Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit einzuplanen. Deshalb appellieren wir an die Haushälter*innen, sich dafür einzusetzen, dass Deutschland sein Versprechen an die Menschen, die in extremer Armut leben, einhält.

Ihr kämpft nicht nur gegen Armut, sondern auch gegen Sexismus und die weltweite Benachteiligung von Frauen und Mädchen. Wie hängen die beiden Themen zusammen?

Frauen und Mädchen sind überall gesellschaftlich, wirtschaftlich und rechtlich benachteiligt. Je ärmer das Land ist, desto größer ist die Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern. Deshalb sagen wir in unserer Kampagne: „Armut ist sexistisch“. Die gute Nachricht ist: Frauen haben auch das größte Potential, Armut zu beenden. Frauen leisten circa die Hälfte der landwirtschaftlichen Arbeit in Afrika, haben jedoch einen deutlich schlechteren Zugang zu Produktionsmitteln, Landrechten und Krediten als Männer. Erhielten sie den gleichen Zugang zu Produktionsmitteln wie Männer, könnten sie ausreichend Nahrungsmittel produzieren und so die Zahl der chronisch hungernden Menschen um 100-150 Millionen senken. Bildung ist auch ein gutes Beispiel: Weltweit besuchen über 130 Millionen Mädchen keine Schule, davon leben circa 50 Millionen in Subsahara-Afrika. Wenn Mädchen die gleichen Bildungschancen hätten wie Jungen, würde dies Entwicklungsländern pro Jahr 112 Milliarden US-Dollar einbringen. Wir werden die Armut niemals besiegen, wenn wir die Hälfte der Bevölkerung vernachlässigen.

Gibt es auch in Berlin Menschen, die in extremer Armut leben?

Menschen in ökonomisch entwickelten Ländern gelten dann als arm, wenn ihr Einkommen unter der jeweiligen Armutsgefährdungsquote liegt. Das heißt, auch wenn in Berlin die Grundversorgung der Bevölkerung weitgehend gesichert ist, bedeutet dies nicht, dass diese Menschen frei von Armut leben. Von extremer Armut spricht man aber erst, wenn ein Mensch pro Tag weniger als 1,90 US-Dollar zur Verfügung hat. Weltweit betraf dies 2015 noch rund 700 Millionen Menschen. Davon leben die meisten Menschen in Subsahara-Afrika.

Hier finden Sie weitere Infos zu den ONE-Jugendbotschafter*innen und hier zur „Armut ist sexistisch“-Kampagne.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-n.jensch@tagesspiegel.de

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