Nachbarschaft

Veröffentlicht am 03.01.2019 von Corinna von Bodisco

Alexander Sandy Kaltenborn ist Kommunikationsdesigner und Teil der 2011 gegründeten Mietergemeinschaft Kotti & Co. Die Aktiven der Initiative haben den Senat mit ihrer Expertise und ihren Konzepten bereits 2012 überholt.

Wie mischt sich Kotti & Co am Kotti ein? Wir haben als kleine Initiative angefangen: Unterschriften gesammelt, mit Leuten gesprochen und vor allem haben wir uns Geschichten erzählt und uns kennengelernt. 2012 haben wir am Kottbusser Tor eine Besetzung gemacht, etwa 30-40 Demonstrationen und Veranstaltungen hintereinander organisiert und das Gecekondu Protesthaus gebaut. (Anm.: gebaut nach dem Vorbild eines türkischen Gecekondus, ein über Nacht hochgezogenes Haus. In der Holzhütte gegenüber vom Südblock treffen sich Mieterinnen, um sich gegen Mieterhöhungen zu organisieren.)

Ende des Jahres kam dann „Nichts läuft hier richtig“, eine zweitägige Konferenz zum sozialen Wohnungsbau im Abgeordnetenhaus. Ephraim Gothe, damals Staatssekretär, hat die Konferenz ermöglicht. Wir sind mit Kind und Kegel ins Abgeordnetenhaus, haben viel Fachexpertise mitgebracht und die Konzepte geliefert, die eigentlich von der Verwaltung hätten kommen müssen. Da schaute der Senat ein wenig blöd aus der Wäsche.

Macht ihr Protestpolitik? Wir protestieren nicht nur, sondern machen einen sehr vielschichtigen Engagement-Protest mit Miet-, Sozialberatung und aktiver Gemeinwesenarbeit. Wir haben auch mit Universitäten und kulturellen Einrichtungen wie dem Haus der Kulturen der Welt, dem HAU oder der Volksbühne zusammengearbeitet und natürlich machen wir Lobbyarbeit für Mieterinnen. Es geht uns aber nicht nur um uns – wir heißen ja nicht Kotti & Kotti, sondern Kotti & Co. Wir denken auch über den Kiez hinaus.

Was bewegt Kotti & Co im Kiez? Die Initiative repräsentiert das Versprechen, dass es möglich ist, trotz Unterschieden zusammen zu kommen. Kreuzberg galt immer als „Multikulti-Stadtteil“, eigentlich sind es aber viele Parallelwelten mit ein paar Schnittstellen. Kotti & Co in Zahlen: Wir haben 2011 einen Mieterhöhungsstopp für 35.000 Sozialwohnungen erreicht, seit 2016 gilt der Stopp für alle Berliner Sozialwohnungen. Die Kommunalisierung des Neuen Kreuzberger Zentrums geht auch auf unsere Kappe und außerdem haben wir den Mietenvolksentscheid angeschoben. Unsere Politik hat einen Effekt auf etwa 400.000 Wohnungen in Berlin.

Was meint sozialer Wohnungsbau überhaupt? Der Staat gibt privaten Investoren viel Geld und Steuerabschreibungen, damit sie im Sinne einer sozialen Zwischennutzung, die auf etwa 20-30 Jahre beschränkt ist, sozialen Wohnraum zur Verfügung stellen. Parallel dazu gehen die Mieten hoch und am Ende des Programms hat der Staat sehr viel Geld ausgegeben. Die Privaten haben viel kassiert, sind Eigentümer geworden und der Staat hat keinen Einfluss mehr auf die Wohnungen. Wir verlieren jedes Jahr tausende Wohnungen, die aus den Bindungen rausfallen.

Wie viele genau? 2011 gab es rund 140.000 Sozialwohnungen in Berlin, heute nur noch etwas mehr als 100.000. Kein Neubau kann diesen Schwund an bezahlbarem Wohnraum kompensieren. Deswegen ist Bestandsmieterschutz so wichtig.

Im Dezember 2018 wurde eine Studie zum Modellprojekt „(Re-)Kommunalisierung Plus“ von Kotti & Co herausgegeben. Mieterinnen sollen am Kotti mitbestimmen und mitverwalten. Wie soll das funktionieren? Ich war nur beratend involviert, aber grundsätzlich geht es darum, wie wir morgen wohnen wollen. Die Antwort ist oft: Lieber in kommunalen Wohnungen. So einfach ist das nicht – auch die Landesunternehmen müssen sich demokratisieren und einen größeren sozialen Beitrag leisten. In der Studie wurde zunächst in Form von Interviews erfragt, wer die Bewohner sind, wofür sie sich engagieren würden und ob sie bereit wären, sich in Mieteraktivitäten einzubringen. Das Ergebnis zeigt, dass die Bereitschaft groß ist. Das Ziel des Modellprojektes ist eine starke Mietermitbestimmung, die laut Koalitionsvertrag auch vom Senat unterstützt wird.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-c.bodisco@tagesspiegel.de