Nachbarschaft

Veröffentlicht am 14.02.2019 von Corinna von Bodisco

Die Initiative „Community Land Trust“ will das gleichnamige Modell aus dem angelsächsischen Raum in Friedrichshain-Kreuzberg einführen. CLT ist ein gemeinnütziges, nicht-gewinnorientiertes Eigentumsmodell. Und steht auch für Gemeinschaft, Grundstück, Vertrauen. Losgehen soll es im Sommer, eine 20-köpfige Projektleitung arbeitet an der Umsetzung – darunter die Kreuzbergerin Yvonne Beckers.

Vergangene Woche wurde euer Projekt in der Lausitzer Straße 10/11 vorgestellt. Warum genau dort? Die Lausitzer 10/11 ist bereits akut bedroht. Die Aufwertungspläne des Eigentümers Taekker Group haben dazu geführt, dass Mieter*innen dort ausziehen und die verbleibenden Leute sich nach Alternativen umschauen müssen. Außer der Lause sind viele andere Häuser und Projekte im Kiez von Verdrängung bedroht. Der CLT wäre für viele Betroffenen eine interessante Alternative.

Gemeinschaftlich und nicht-gewinnorientiert – was heißt das genau? Um welche Eigentumsform geht es und wie funktioniert das Modell? Als Rechtsform haben wir eine Stiftung gewählt, die den Boden erwerben wird. Die Häuser gehen dann per Erbpachtvertrag (Die Nutzer*innen besitzen dann das Haus, nicht aber das Grundstück, Anm. d. Red.) an die jeweiligen Nutzer*innen: Das können Bewohner*innen sein, die sich als Hausprojekt organisieren, eine Genossenschaft, ein Syndikat oder eine andere Stiftung. Gesteuert wird das CLT-Modell durch ein Kuratorium unter Anwendung der Drittelparität zwischen Bewohner*innen, der Nachbarschaft und einer noch zu definierenden Öffentlichkeit. Wir haben diese Form gewählt, um Entscheidungen über die Nutzung von Grund, Boden und den sich darauf befindlichen Gebäuden zu demokratisieren.

Was sind eure Ziele und wie wollt ihr sie umsetzen? Neben der direkten Einbindung der Nachbarschaft in die Entscheidungsprozesse gründet sich unser Ziel darin, Räume für Menschen mit unterdurchschnittlichen Einkommen und erschwertem Zugang zu bezahlbarem Wohnraum zu schaffen. Dafür müssen der Boden und die Häuser zunächst dem spekulativen Markt entzogen werden. Unser Traum ist eine sozial gerechte, diskriminierungsfreie, ökologische Stadt, in der zukünftig so viel Boden wie möglich gemeinwohlorientiert durch den CLT bewirtschaftet wird. Das alles werden wir aber nur erreichen, wenn wir aktiv in die Stadtentwicklung mit eingreifen können. Dazu brauchen wir stadtpolitische Relevanz – woran wir gerade arbeiten.

Denkt ihr an bestimmte Grundstücke, die dringend einen CLT brauchen? Ja, aber wir befinden uns noch in Verhandlungsphasen, noch ist nichts spruchreif. Im Bezirk gibt es viele Fälle, die gut passen würden. Ich selbst lebe im Kreuzberger Block 89, sechs Häuser zwischen der Kohlfurter Straße und dem Fraenkelufer. Zwei Häuser sind „normale“ Mietshäuser, die vier anderen wurden zu Beginn der 80er Jahre besetzt und sind größtenteils noch selbstverwaltete Hausprojekte. Gerade gehören sie der Deutschen Wohnen, davor der damals städtischen Wohnungsbaugesellschaft GSW. Wir von den Hausprojekten würden sehr gerne Teil des CLTs werden, um eigenständig und zum Teil von Genossenschaften unterstützt unsere Häuser zu verwalten. Gemeinwohlorientiertes Wohnen ist für uns sehr wichtig, da sich viele Mitbewohner*innen und Nachbar*innen die aktuellen, spekulativen Mietpreise in Kreuzberg nicht mehr leisten könnten. Zukünftig hätten wir kaum eine Chance, im Kiez zu bleiben.

Foto: privat

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-c.bodisco@tagesspiegel.de

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