Nachbarschaft

Veröffentlicht am 07.03.2019 von Robert Klages

Mein Opa war Nazi. Es fällt mir nicht leicht, diesen Satz zu schreiben, besonders öffentlich. Er starb, bevor ich das alles wirklich verstand. Ich habe positive Erinnerungen an ihn und sein Holzbein: Enten füttern, Drachen steigen lassen. Sowas. Er hatte ein Bein im Krieg verloren. Ich hab auch mal versucht, das literarisch aufzuarbeiten: Hier zu lesen, vierte Geschichte von oben, „Versuch über den Mann mit dem Holzbein“. Ich kenne auch die Abzeichen mit Hakenkreuzen, die er bekommen hat. Wie sehr er sich später noch mit der Ideologie identifiziert hat, kann ich nicht sagen. Aber ich weiß, dass er froh war, dass es vorbei war.

Darüber habe ich auch mit Enno Lenze gesprochen, Museumsdirektor des Story Bunkers in Kreuzberg (Schöneberger Straße 23A). Er meint, die Deutschen würden nicht offen genug mit der NS-Vergangenheit umgehen.

Lenzes Urgroßvater hat ein NS-Exekutionskommando in der Ukraine geleitet. Viele Deutsche seien nicht in der Lage, offen darüber zu reden, dass Teile ihrer Familie Nationalsozialist*innen waren und für Hitler gemordet haben. Es sei in unserer Gesellschaft immer noch Konsens, darüber zu schweigen. Viele würden erzählen, ihre Großeltern seien im Widerstand gewesen. Doch, so Lenze, wenn alle diese Menschen im Widerstand gewesen wären, hätte es keinen Nationalsozialismus gegeben.

„Man hätte auch gar nicht in den Widerstand gehen müssen. Einfach nicht mitmachen hätte schon ausgereicht.“ Ein anderer Urgroßvater von ihm habe zum Beispiel einfach nicht mitgemacht beim Nationalsozialismus. Und er sei von den Nazis nie dafür belangt worden. Lenze spricht von der Zeit zwischen 1923 bis 1943. Nach 44 sei man zum Mitmachen gezwungen worden, klar. „Aber die Leute haben vorher auch mitgeholfen, dieses NS-System überhaupt erst aufzubauen.“ Und wie sieht es heute bei ihm im Story Bunker aus?

Im Schnitt fragen jeden Tag bestimmt fünf Leute, ob Hitler wirklich tot sei, erzählt er. Nein, er übertreibe damit nicht, sagt er auf meine erstaunte Nachfrage. Viele Verschwörungstheorien halten sich nach wie vor. Auch die, dass Hitler noch leben würde. „Die Leute sind nicht blöd“, sagt Lenze. „Sie haben sich nur nie so richtig dafür interessiert.“ Es seien nicht nur Touristen, sondern Deutsche, Berliner, die das fragen würden.

„Deutsche sind da historisch nicht besser gebildet als Touristen“, meint Lenze weiter. „Deutsche denken nur, sie wüssten schon alles zu diesem Thema, haben es aber nie hinterfragt.“ Manchmal steht Lenze selbst an der Kasse seines Bunkers. Gleich am Anfang der Ausstellung „Hitler, wie konnte es geschehen“ wird mit dem Mythos aufgeräumt: „Ja, er ist tot. Und nun konzentrieren Sie sich bitte auf die Ausstellung.“ Denn diese geht immerhin über mehrere Etagen. 200.000 Besucher kamen 2017.

Ein Mekka für Nazis sei der Bunker nicht, erzählt Lenze. Den Hitlergruß habe er nur einmal mitbekommen. Von einem Jungen aus einer Schulklasse. Lenze hat die Polizei gerufen, die Klassenfahrt war daraufhin gelaufen, der Junge musste mit aufs Revier, die Schule schrieb eine Woche später eine Entschuldigung. Der Junge wollte provozieren. Aber da versteht Lenze keinen Spaß. Er findet ohnehin, dass Deutschland noch immer nicht richtig mit der Vergangenheit umgehe.

„Es heißt, die Nazis hätten den Krieg verloren“, sagt Lenze, Kaffee-trinkend in einem der Bunkerräume. Viele große Strippenzieher der Nationalsozialisten seien zwar verurteilt worden, „aber die kleinen Nazis, die haben nicht verloren. Sie haben vom Krieg profitiert, wurden nach dem Krieg nicht bestraft, haben dann vom Marshall-Plan profitiert – und dann haben sie auch noch das Narrativ geprägt, sie hätten von nichts gewusst.“ Da seien sich immer alle einig: nichts gewusst zu haben. „Aber 90 Prozent wussten Bescheid. Wir Deutschen sollten uns da keine Illusionen machen.“

Laut einer Studie der Universität Leipzig zeigen etwa 40 Prozent der befragten Deutschen die Bereitschaft, ein autoritäres System zu unterstützen. Einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung zufolge sehen Zwei Drittel der Europäer*innen die Vergangenheit positiver als die Gegenwart – trotz Weltkrieg und Nationalsozialismus. Wie sieht Lenze die aktuelle Situation in Deutschland? „Neonazis wie die AfD-Politiker sind eine Gefahr – aber sie können den Staat derzeit nicht übernehmen.“

Neonazis? Von denen bekommt Lenze ohnehin schon genug Post. Fast 600 Morddrohungen hat er schon bekommen – plus ca. 1000 Beleidigungen. „Morgen stehen wir in deinem Büro und knallen dich ab.“ Nur ein Beispiel. Aber passiert ist noch nichts. Lenze hat die Drohungen bereits letztes Jahr veröffentlicht. Trudelt eine neue Email ein, antwortet er schon mal mit der Rücksendung einer Doodle-Liste. Die Attentäter sollen sich dort eintragen, damit es nicht zu Überschreitungen kommt. Darauf reagiert, oder gar einen Eintrag gemacht, hat noch niemand.

Lenze spricht auch mehrmals im Jahr mit dem LKA – gibt den Stand der Dinge durch. „Die haben eine gute Betreuung“, sagt er. Vor Kurzem haben sie ihm einen Tipp gegeben: Da er ja sehr aktiv auf den sozialen Netzwerken sei, solle er dort irgendein Macho-Gehabe posten.

„Irgendwas Maskulin-Aggressives, so bescheuert das klingen mag“, hätten die Beamten gesagt. Lenze solle versuchen zu denken, wie ein intelligenter Mensch nicht denkt. Gesagt, getan: Der 36-Jährige veröffentlichte Fotos von sich beim Kampfsport und beim Sportschießen. Und siehe da: Obwohl er sich die Macho-Pose auf den Fotos gespart habe, hätten die Morddrohungen rapide abgenommen. „Für mich vollkommen unverständlich“, resümiert Lenze. „Aber ok, die Beamten hatten tatsächlich Recht mit dem Vorschlag.“ Und er selbst habe es auch verfolgen können: Zusammen mit Bekannten habe er diverse geschlossene Facebook-Gruppen einsehen können.

„Dem Lenze keine Drohungen mehr schicken, der macht Kampfsport“, habe dort zum Beispiel ein Rechter geschrieben. „Faszinierend, wie einfach die gestrickt sind“, lacht Lenze und trinkt seinen Kaffee aus. Bei wichtigen Terminen hat er trotzdem weiterhin Personenschutz. Foto: Jan Grewe

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-n.jensch@tagesspiegel.de

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