Nachbarschaft

Veröffentlicht am 11.04.2019 von Nele Jensch

Im Interview erzählt Christiana Hoppe, Koordinatorin für die Verlegung von Stolpersteinen im Bezirk, wie ein Stolperstein entsteht und welche Geschichten dahinter stehen. Die Stolpersteine gemahnen mittlerweile in 24 europäischen Ländern an die entsetzlichen Auswirkungen, die Stigmatisierung, Hass und Nationalismus haben können. Der erste Stolperstein überhaupt wurde 1996 in Kreuzberg verlegt.

Stolpersteine werden verlegt, um an die Opfer des Nazi-Terrors in Deutschland zu erinnern. Können Sie das Konzept kurz noch ein bisschen näher erläutern?

Stolpersteine werden für alle Verfolgten des Nazi-Regimes verlegt – für solche, die ermordet wurden, aber auch für solche, die überlebt haben. In den meisten Fällen sind das Menschen jüdischer Abstammung. Stolpersteine gibt es aber auch für Widerstandskämpfer, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Euthanasie-Opfer, Sinti und Roma. Die Stolpersteine sollen am letzten freiwillig gewählten Wohnort verlegt werden, dieser muss im Zuge von Recherchen ermittelt werden. Das ist überhaupt einer der wichtigsten Aspekte der Stolperstein-Arbeit: die Suche nach biografischen Informationen sowie nach noch lebenden Angehörigen. Der Stolperstein wird erst verlegt, wenn diese Recherchen abgeschlossen sind. Das Projekt wird im Wesentlichen von Ehrenamtlichen getragen.

Wie lange gibt es das Projekt schon und wie ist das öffentliche Echo?

Die ersten 51 Stolpersteine hat Gunter Demnig im Mai 1996 „illegal“ im Rahmen der Ausstellung „Künstler forschen nach Auschwitz“ in der NGBK in der Oranienstraße verlegt. Die erste „legale“ Verlegung – mit Genehmigung des Straßenbauamtes – erfolgte im Jahr 2000. Seitdem ist das Projekt ständig gewachsen und das öffentliche Echo ist überwiegend positiv. Das sieht man auch daran, dass Gunter Demnig außer in Deutschland bereits Stolpersteine in 23 weiteren europäischen Ländern verlegt hat. Im Oktober 2018 wurde der 70.000. Stolperstein verlegt. Es gibt natürlich auch Kritiker, aber die sind eher in der Minderheit.

Wie genau „entsteht“ ein Stolperstein? Wird die Verlegung von Angehörigen initiiert?

Mindestens die Hälfte aller Stolpersteine in Friedrichshain-Kreuzberg wird von Angehörigen initiiert. Die Kosten dafür (120 Euro pro Stolperstein) trägt seit 2017 in Friedrichshain-Kreuzberg der Bezirk. Die anderen Stolpersteine werden von Nachbarn, Schulen oder interessierten Bürgern initiiert und finanziert. Da der Bezirk pro Jahr nur ein bestimmtes Kontingent an Stolpersteinen bekommt, aber mehr Stolpersteine beantragt werden, gibt es Wartelisten. Die Wartezeit kann zwischen ein und drei Jahren betragen (Anträge von älteren Angehörigen werden bevorzugt behandelt). Die Zeit kann man aber sinnvoll für biografische Recherchen nutzen.

Wie viele Stolpersteine gibt es bei uns im Bezirk? Und gibt es einen, dessen Geschichte Sie persönlich besonders bewegt?

In Friedrichshain-Kreuzberg gibt es etwa 880 Stolpersteine. Am 9. April 2019 kamen wieder sieben neue hinzu. Die Biografien gehen einem immer nahe. Besonders aber bewegt mich die Geschichte, die mit den Stolpersteinen von Charlotte und Karlheinz Marschner in der Forster Straße 36 verbunden ist. Die beiden – Mutter und Sohn – wurden am 1. November 1941 ins Ghetto Lodz deportiert und von dort im Mai 1942 in das Vernichtungslager Kulmhof verschleppt und ermordet. Durch die Recherchen habe ich herausgefunden, dass Charlotte noch zwei weitere Kinder, Horst und Anna, hatte. Da diese beiden Kinder gehörlos waren, besuchten sie die „Israelitische Taubstummenanstalt“ in Weißensee. Im Juli 1939 gelang es dem Leiter der Anstalt, mit 10 Kindern im Rahmen der Kindertransporte nach England zu gehen, darunter waren auch Horst und Anna Marschner, die zu diesem Zeitpunkt 11 und 10 Jahre alt waren. Ihr Kontakt zur Familie riss mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs ab. Über das Internet konnte ich die Tochter von Anna in England ausfindig machen und habe sie angeschrieben. Zu meiner Freude erfuhr ich, dass Horst und Anna noch leben. Durch weitere Recherchen habe ich herausgefunden, dass Charlotte Marschner acht Geschwister hatte, von denen die meisten durch Emigration überlebt haben und von denen es Nachfahren gibt. So haben Horst und Anna im Alter von 90 bzw. 89 Jahren erfahren, dass sie noch Angehörige haben und Kontakt mit ihnen aufnehmen können. Im Juli werden die Stolpersteine von Charlotte und Karlheinz Marschner um zwei Stolpersteine für Horst und Anna Marschner ergänzt, so wird die Familie wieder vereint. Anna – sie ist am 2. April 90 Jahre alt geworden und noch sehr fit – will zur Verlegung mit ihrer Familie aus England anreisen.

Kommt es in Friedrichshain-Kreuzberg oft zu Beschädigung oder Diebstahl von Stolpersteinen?

Im letzten Jahr wurden in Friedrichshain zwei Mal Stolpersteine mit Farbe beschmiert. Zum Glück gab es aufmerksame Nachbarn, die das sofort gemeldet und die Steine sogar gereinigt haben. Zum Diebstahl kommt es eher nicht, manchmal verschwinden aber Stolpersteine im Zuge von Straßenbauarbeiten.

Foto: Christiana Hoppe

Vor fünf Häusern wurden am Dienstag, 9.4.19., in Xhain Stolpersteine verlegt – sie erinnern an das Schicksal ehemaliger Nachbar*innen, die dem Terror des Nationalsozialismus zum Opfer fielen. Hier lesen Sie ihre Geschichten. 

Margarete Weinert, 1904 in Berlin geboren, wurde 1938 aufgrund ihrer Epilepsie-Erkrankung zwangssterilisiert und starb 1944 in einer Nervenheilanstalt in Obrawalde. Weinert lebte zuletzt in der Bergmannstraße 97, wo ab jetzt der Stolperstein zu sehen ist, der an sie erinnert.

Adolf Wilczig, 1895 in Berlin geboren, war jüdischer Handelsmann. Im Oktober 1939 wurde er aus unbekannten Gründen verhaftet und kam 1941 im Konzentrationslager Dachau ums Leben. Sein Stolperstein wurde zwischen dem Spielplatz in der Andreasstraße und dem Haus Nummer 22 verlegt.

Meta und Elsa Bibo lebten seit 1915 gemeinsam in der Warschauer Straße 85 und führten unweit ihrer Wohnung am Frankfurter Tor eine Werkstatt für Damenhüte. Die Schwestern jüdischen Glaubens wurden 1941 in Ghetto Lodz deportiert. 1942 wurden die Schwestern ins Vernichtungslager Kulmhof verschleppt und dort ermordet. Ihr Stolperstein wurde vor ihrem ehemaligen Wohnhaus verlegt.

Berek Dembina, Margarete und Ruben Reszka. Das jüdische Paar Berek Dembina und Margarete Reszka lebte in der Waldeyerstraße 1a; nach den Novemberpogromen 1938 ging Dembina nach Belgien, wo er in einem Versteck in Brüssel überlebte. Seine schwangere Freundin sollte später mit dem Kind nachkommen, doch Reszka und ihr 1939 geborener Sohn Ruben wurden 1943 nach Theresienstadt und dann weiter nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Louis und Hans Behrendt. Louis Behrendt war psychisch krank und wurde in eine Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen. Im Juli 1940 wurde er im Rahmen der „Aktion T4“ ermordet. Sein Sohn Hans wurde aus unbekannten Gründen verhaftet und im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Dort wurde er 1942 erschossen. Die beiden lebten in der Schreinerstraße 51.

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