Nachbarschaft

Veröffentlicht am 18.04.2019 von Nele Jensch

Der Autor und Journalist Jürgen Enkemann ist seit den 1970er Jahren eng mit Kreuzberg verbandelt: Er war hauptverantwortlicher Redakteur des „Kreuzberger Stachels“ und initiierte die Herausgabe der Kiezzeitschrift „Kreuzberger Horn“. Außerdem ist Enkemann Mitinitiator der „Kiezwoche zwischen dem Kreuzberg und dem Landwehrkanal“. 2015 rief er den monatlichen „Kiezratschlag“ im Großbeerenviertel mit ins Leben, getragen vom „Kiezbündnis am Kreuzberg“. Jetzt plant Enkemann seinen nächsten Streich: Einen üppigen Bild-Text-Band mit dem Titel „Kreuzberg – Das andere Berlin“, der im Verlag für Berlin-Brandenburg erscheinen soll; dafür braucht er allerdings Unterstützung.

In Ihrem Buch „Kreuzberg – das andere Berlin“ wird die Geschichte von Kreuzberg dargestellt. Können Sie uns kurz erzählen, wie der Bezirk überhaupt entstand?
Der Bezirk wurde 1920 im Rahmen der administrativen Schaffung von Großberlin als einer von 20 Verwaltungsbezirken gegründet. Er trug zunächst den Namen „Hallesches Tor“-Bezirk und wurde im Frühjahr 1921 umbenannt, als das hundertjährige Bestehen des Nationaldenkmals auf dem Kreuzberg gefeiert wurde. In dem aus mehreren Stadtteilen zusammengewürfelten Bezirk konnte zur Zeit der Gründung von lokaler Identität nicht die Rede sein. Es gab noch nicht einmal in Teilen von ihm traditionelle örtliche Orientierungen, im Unterschied zu verschiedenen anderen neuen Bezirken mit dörflichen Kernen. Paradoxerweise war es gerade dieser Bezirk, in dem in späterer Zeit wie wohl in keinem anderen ein besonderes Identitätsbewusstsein demonstrativ hervorgekehrt wurde, so etwa auf Protesttransparenten der Initiative „Kotti & Co.“ in SO 36 mit dem Slogan „Wir sind Kreuzberg“.

Nächstes Jahr wird Kreuzberg 100 Jahre alt, eine ziemlich lange Zeitspanne also. Worauf liegt der Fokus des Buchs?
In seiner historischen Darstellung ist das Buch einerseits auf einen bestimmten Entwicklungsstrang der Kreuzberger Geschichte fokussiert, andererseits auf seine stark ausgeprägte Alternativität und Widerständigkeit sowie seine multikulturelle Zusammensetzung mit besonders großem türkischen Anteil. Nachdem eine relativ frühe Periode als „Vorgeschichte“ vorangestellt wird, geht es danach um Kreuzberg als jenes „andere Berlin“, das seit den frühen 1960er-Jahren zunächst mit einer künstlerisch aktiven Szene, der sogenannten Kreuzberger Bohème, eine stark beachtete Eigenart entfaltete. Weitere Kapitel befassen sich u.a. mit Besetzungsaktionen von aufmüpfigen Jugendlichengruppen in Kreuzberg, unterstützt durch Rio Reiser und Ton, Steine, Scherben, mit der Hausbesetzerbewegung und dem Kreuzberger Ersten Mai sowie mit Kreuzberg als besonderem Entfaltungsort alternativer Kultur. In jüngerer Zeit haben die Willkommenskultur für Geflüchtete und der mietenpolitische Widerstand gegen Verdrängung starke öffentliche Beachtung gefunden.

Sie sammeln per Crowdfunding Geld für Ihr Projekt – verraten Sie uns doch bitte, warum man es unbedingt unterstützen soll!
Die Kampagne ist als Voraussetzung für eine Veröffentlichung dadurch begründet, dass der Band reich ausgestattet werden soll, besonders mit sehr vielen farbigen Illustrationen, die das Buch nicht nur lesens-, sondern auch sehenswert machen sollen. So etwas kostet leider Geld. Darüber hinaus geht es mir darum, die Entwicklung trotz aller nicht völlig unbegründeter Schwanengesänge auch als zukunftsträchtig zu begreifen und als eine mögliche Quelle von wichtigen Impulsen über Kreuzberg hinaus in einer Welt der fortschreitenden kulturellen Kommerzialisierung und wachsenden sozialen Ungerechtigkeit.

Wenn Sie Enkemanns Buchprojekt unterstützen wollen, können Sie sich hier am Crowdfunding beteiligen: startnext.com/Kreuzbergbuch.

Foto: Sophie Charlotte Bentzien

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-n.jensch@tagesspiegel.de

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