Nachbarschaft

Veröffentlicht am 29.05.2019 von Nele Jensch

Die Schriftstellerin Rahel Varnhagen von Ense (26.5.1771 – 7.3.1833) setzte sich für die jüdische Emanzipation und die Gleichstellung der Frauen ein. In ihrem Berliner Salon versammelte sie die großen Persönlichkeiten ihrer Zeit.

Als älteste Tochter des wohlhabenden Juwelenhändlers Marcus Levin standen der jungen Rahel Levin viele Türen offen. Bereits 1790 begann sie, einen literarischen Salon zu führen, in dem sich die Berliner Prominenz traf: Die Gebrüder Humboldt waren ebenso Gäste wie Friedrich Schlegel, Prinz Louis Ferdinand und seine Geliebte Pauline Wiesel, sowie Jean Paul. Das Besondere an Levins Salon war, dass sich die Gäste dort außerhalb der Grenzen ihrer sozialen Schichten zusammenfanden: Aristokrat*innen trafen auf Bürger*innen, Jüd*innen auf Katholik*innen; dazwischen tummelten sich Schauspieler*innen und Exzentriker*innen.

„Der jüdische Salon in Berlin war der soziale Raum außerhalb der Gesellschaft, und Rahels Dachstube stand noch einmal außerhalb der Konventionen und Gepflogenheiten des jüdischen Salons“, schrieb die Philosophin und Publizistin Hannah Arendt in ihrer Varnhagen-Biografie. Ebenso wie Varnhagen war Arendt Jüdin und beschäftigte sich mit deren Biographie, während die deutsch-jüdische Kultur von den erstarkenden Nationalsozialisten immer stärker bedroht und schließlich zerstört wurde.

Varnhagen, geb. Levin, blieb trotz der gesellschaftlichen Erwartungen in der Romantik sehr lange ledig: Nach mehreren unglücklichen Beziehungen heiratete sie 1814 den Diplomaten, Historiker und Publizisten Karl August Varnhagen (der später in den Adelsstand erhoben und zu August Varnhagen von Ense wurde). Für ihren Mann konvertierte Varnhagen zum Christentum – ihr Jüdisch-sein hatte sie, aufgrund der gesellschaftlichen Restriktionen, die es mit sich brachte, stets als Fluch empfunden.

Obwohl sie in ihrem Salon schillernde Persönlichkeiten um sich versammelte, blieb Varnhagen als Frau und Jüdin der Zugang zum Literaturbetrieb größtenteils verwehrt. Notgedrungen nahm sie, wie viele ihrer Zeitgenossinnen, Zuflucht zu kleineren, intimeren Formen des Schreibens im Tagebuch und in Briefen. 1812 publizierte ihr Mann erstmals Auszüge aus Varnhagens Briefen, die sich durch die Dokumentation historischer und kultureller Vorgänge ebenso auszeichneten wie durch politische Weitsicht. Johann Wolfgang von Goethe stellte Varnhagens „große Originalität“ heraus.

In den 1820er Jahren nahmen die Varnhagens die nach dem Einmarsch Napoleons in Preußen 1806 eingestellten Salons wieder auf, in dem unter anderem Heinrich Heine verkehrte. Varnhagen kämpfte ihr Leben lang darum, trotz ihrer jüdischen Herkunft als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft anerkannt zu werden. Erst kurz vor ihrem Tod 1833 söhnte sie sich mit sich selbst und ihrer Herkunft aus. Ihr Mann protokollierte die Worte auf ihrem Sterbebett: „Welche Geschichte! – Eine aus Ägypten und Palästina Geflüchtete bin ich hier und finde Hilfe, Liebe und Pflege von Euch! […] Was so lange Zeit meines Lebens mir die größte Schmach, das herbste Leid und Unglück war, eine Jüdin geboren zu sein, um keinen Preis möcht‘ ich das jetzt missen“. Rahel Varnhagen von Ense liegt auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof in Kreuzberg begraben.

Bild: gemeinfrei

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