Nachbarschaft

Veröffentlicht am 11.07.2019 von Nele Jensch

Danielle de Picciotto ist Musikerin, Malerin, Zeichnerin, Autorin und Filmemacherin. Mit ihrem Ehemann Alexander Hacke, dem Bassisten von „Einstürzende Neubauten“, lebt sie seit 2001 im Wedding – nach langen Jahren in Kreuzberg, wo sie in einer WG mit Roland Wolf, dem damaligen Keyboarder von Nick Cave, und später mit ihrem Partner Dr. Motte zusammenwohnte.

Gerade hast du dein neues Album „Deliverance“ veröffentlicht. Warum lohnt es sich unbedingt, die Platte zu kaufen? Wenn man elektronische Musik mit Gesang, Geige und Spoken Word mag, dann muss man sie haben! Die vielen Themen, die mich momentan bewegen – sei es die Umwelt, Freundschaften, Spiritualität oder Liebe – kommen in meinem Gesang oder Spoken Word alle vor. Mir ist es auch immer sehr wichtig, dass es ungewöhnliche Sounds und Rhythmen gibt, Reibung, Überraschungen, Trost und Heiterkeit. So ist eine abwechslungsreiche, ungewöhnliche Platte entstanden. „Delieverance“ ist mein zweites Soloalbum und besteht nur als limitierte Vinyl-Sonderedition. Sie enthält auch einen Katalog meiner Zeichnungen, einen Siebdruck und einen Download mit noch zwei weiteren Songs. Ansonsten gibt es sie nur als digitales Produkt. Mir machen solche Sondereditionen Spaß, denn sie sind wie eigenständige Kunstwerke. Man kann sie über meine Bandcampseite bestellen: hackedepicciotto.bandcamp.com

Du bist nicht nur Musikerin, sondern auch Bildende Künstlerin, Filmemacherin und Autorin. Was steht im Fokus deiner Arbeit, gibt es wiederkehrende Themen, die du verarbeitest? Ja, ich arbeite meistens fünf Jahre lang an einem Thema in den unterschiedlichen Bereichen. Von 2005 bis 2010 war es der Berliner Underground und dessen Dekadenz. Im Moment ist es noch mein Musiker-Nomadenleben mit all seinen Aspekten, aber das ist bald abgeschlossen. Was dann kommt, wird eine Überraschung.

1989 hast du die erste Love Parade in Berlin mit initiiert – würdest du dich über ein Comeback der Parade freuen? Ich mag Nostalgie nicht. Gute Erinnerungen sind etwas Schönes, aber in der Vergangenheit zu schwelgen finde ich traurig. Die Love Parade ist damals so erfolgreich geworden, weil sie zufälligerweise perfekt in das Zeitgeschehen passte. So etwas ist selten und überwältigend. Der Mauerfall, die politische Situation, eine neue Dekade usw… Alles war im Umbruch und die Love Parade drückte die damalige Euphorie perfekt aus. Heute gibt es andere Themen, die anders angepackt werden müssen. Von daher finde ich es immer besser, etwas Neues auf die Beine zu stellen.

Geboren wurdest du in den USA, lebst aber seit Ende der 80er Jahre in Berlin. Was hat dich hierher gebracht, und was inspiriert dich besonders an der Stadt und deinem Kiez? Als ich 1987 nach Berlin zog, habe ich mich komplett in die Stadt verliebt und so blieb es auch bis 2000. Dann fühlte ich mich aber immer unwohler mit der wachsenden Gentrifizierung, denn sie radierte die vielen Kreativorte weg, die mir wichtig waren. So wurde ich 2010 zusammen mit meinem Mann Nomadin und tourte durch die Welt. Unser Büro und Lager im Wedding haben wir allerdings immer behalten. Nun sind wir seit zwei Jahren wieder im Wedding und haben dort zwei Studios. Wir sind uns zwar noch nicht sicher, ob wir hier bleiben, aber der Wedding ist im Moment ein Schmelztiegel an Künstlern, Einwanderern, Arbeitern – sehr multikulti und immer noch relativ preiswert. An solchen Orten fühle ich mich wohl.

Das klingt, als ob du Kreuzberg nicht wirklich vermisst, oder? Kreuzberg liebe ich immer noch und treffe dort oft Freunde. Die Mischung an alternativen Orten wie die Street University in der Naunynstrasse oder dem SO36 sind tief in meinem Herzen verankert. Ich hoffe, es wird sich weiterhin so gut wie möglich gegen die Gentrifizierung wehren, damit es so individuell bleibt.

Foto: Sylvia Steinhäuser

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-n.jensch@tagesspiegel.de

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