Nachbarschaft
Veröffentlicht am 15.08.2019 von Corinna von Bodisco
Leserpost zum „Premium-Radweg“ mit Leitboys und -girls. Als sinnlos bewertet ein Leser die Polleraktion in der Tamara-Danz-Straße (wir berichteten). Mit den eingeschraubten Plastik-Absperrungen soll künftig verhindert werden, dass der Radstreifen als Parkplatz benutzt wird. Obwohl der Leser kein Auto besäße und diese in der Innenstadt für sinnlos hält, erscheint ihm die Aktion „als billigste Symbolhandlung einer verkehrstechnisch völlig überforderten Politik“. Seine Begründung lesen Sie hier:
Quasi überflüssig, „denn der Radweg führt durch nichts und endet im Nichts. Die Leitboys und -girls halten zwar rein physisch den Radweg frei, die Straße an sich ist aber überflüssig: Sie bildet eine Schleife und führt nur ums Einkaufszentrum herum, den größten Teil davon übrigens ganz ohne Radweg.
Als Beweis dient meine eigene Verkehrszählung: Vergangenen Dienstag fuhren bei gutem Wetter zwischen 14 und 14.30 Uhr (kein Berufsverkehr, Anm. d. Red.) sage und schreibe null Fahrräder den jetzt autofreien, mit Leitboys versehenen Premium-Radweg. Null Räder nutzten die restliche Straße, aber drei den Gehweg. Gezählt habe ich auf Höhe der East Side Mall in Richtung East Side Gallery; in dieser halben Stunde befuhren auch nur sechs Motorfahrzeuge und vier Linienbusse die Straße.
Genau deshalb finde ich das Tätigwerden der Verwaltung ärgerlich, unverhältnismäßig und aktionistisch; ja populistisch, gemessen an anderen, schwierigeren Stellen, die viel dringender einer Verbesserung für Fahrrad Fahrende und zu Fuß Gehende bedürften.
Ähnlich ärgerlich die Symbolpolitik, Spielstraßen auszuweisen (…) Schauen Sie mal abends in die Straße Dora-Benjamin-Park in Stralau – da sieht man, wie wichtig den Leuten ihre Kinder sind. Durchaus nicht unwichtig, nur Autos sind eben wichtiger. Fußball spielen in der Spielstraße? Das wird teuer, boys and girls. Zurück zu den Leitboys.
Warum kümmert sich die Politik nicht um die prekäre Situation ‚eine Etage höher‘: Vor dem Ausgang der U-Bahn-Haltestelle Warschauer Straße drängen sich auf wenigen Metern Breite (siehe Karte):
- 1. U-Bahn-Gäste,
- 2. Fußgänger auf dem Gehweg, davon viele Touristen (abends gern angetrunken) und Musikliebhaber vor Spontankonzerten,
- 3. auf der gegenüberliegenden Seite wird der Radweg von Touristengruppen oder Angetrunkenen nicht wahrnommen (bei überdurchschnittlich schnellen Radelnden, weil abschüssig),
- 4. die Bushaltestelle für die 347-Linie Richtung Ostbahnhof,
- 5. Wartende an der sehr zackig geschalteten und abends abgeschalteten Fußgängerampel,
- 6. eine weitere Fußgängerampel mit teils anderen Schaltzeiten als die erste Ampel,
- 7. eine dritte Fußgängerampel mit teils anderer Schaltung,
- 8. zwei Autospuren (als hier Baustelle oder Tramersatzverkehr war, genügte auch eine Spur),
- 9. Anfangshaltestelle der Tram Richtung Hauptbahnhof,
- 10. Endhaltestelle der genannten Tram,
- 11. abschüssiger, schwer erkennbarer, kurviger, viel zu schmaler Fahrradweg nebst schmalem Gehweg – daher permanentes Klingelkonzert,
- 12. daneben die Bushaltestelle der Linie 347 in die Gegenrichtung (in Berlin grenzen Bushaltestellen oft unmittelbar an Radwege, Werbetafeln versperren den Blick),
- 13. die behördlich genehmigten Sitzgelegenheiten für Gäste der angrenzenden Snackbars und Bistros.
Das müsste dringend entzerrt werden!“, schreibt der Leser, der an dieser Stelle anonym bleiben möchte.
Foto: privat
Wenn Sie gerade ein Gedankenblitz haben, wer hier bald mal vorgestellt gehört, schreiben Sie ihn an: leute-c.bodisco@tagesspiegel.de