Nachbarschaft

Veröffentlicht am 31.10.2019 von Corinna von Bodisco

Niloufar Tajeri, 39, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur und Stadt der TU Braunschweig (gtas-braunschweig.de). Als Neuköllner Nachbarin interessiert sie sich dafür, was mit dem Karstadt-Gebäude passiert. Deswegen ist sie Teil der Initiative Hermannplatz.

Auf deinem Facebook-Profil hast du dich kritisch zu den Karstadt-Neubauplänen des Immobilienkonzerns Signa geäußert. Was stört dich? Wir erleben in den letzten zehn Jahren in Neukölln eine extreme Situation. Die Mieten sind so stark gestiegen wie nirgends sonst in Berlin: 146 Prozent in den letzten zehn Jahren. Und das aufgrund von Spekulation, „Aufwertung“ und geringem gesetzlichen Schutz für Mieter_innen und Gewerbetreibenden. Zugleich ist der Kiez seit vielen Jahrzehnten das Zuhause vieler Menschen, die in Deutschland Diskriminierung erfahren und/oder arm sind, die auf ihre sozialen Netzwerke, Läden, Freunde, Verwandte angewiesen sind. Bisher hatten sie noch bezahlbaren Wohnraum, aber viele wurden schon verdrängt. Andere haben große Sorge, dass das ihnen bald zustößt. Das ist der prekäre Kontext, in dem wir leben, und nun kommt ein Immobilienkonzern, der völlig blind dafür ist, spricht von „Aufwertung“ und wird von unserem Bezirksbürgermeister Martin Hikel und dem Regierenden hofiert. Sie behandeln die Stadt, den Bezirk, primär als Wirtschaftsstandort, dessen Wert lediglich finanziell gemessen wird. „AufWERTung“ und Verschönern, um mehr Geld abschöpfen zu können. Das stört mich, weil für uns Bewohner_innen ganz andere Werte zählen.

Letztes Wochenende fand unter dem Projekttitel „Dialog Hermannplatz“ ein Fest auf dem Innenhof statt, bei dem auch die neue Kaffee-„Hrmnnbox“ eingeweiht wurde. Signa wünscht sich Beteiligung und Dialog mit der Nachbarschaft. Warum soll das alles Schein sein? Das war am Samstag deutlich zu erkennen. Allein daran, wie das Diskussionspodium räumlich aufgebaut war (Foto siehe Facebook): Zwischen dem erhöhten Podium und den Besucher_innen waren ungefähr zehn Meter Platz. Getrennt wurden die beiden Bereiche von einem Holzzaun. Nur drei Fragen aus dem Publikum durften gestellt werden. Zudem standen auf dem Podium ausschließlich weiße Männer, mit Ausnahme einer Moderatorin, der Journalistin Nina Kugler. Das ist weder ein Abbild von Neukölln oder Kreuzberg, noch von der Nachbarschaft, die nicht einmal zu Wort kam. Der Dialog wurde schlicht abgelehnt, denn dass diese Kampagne ein Scheindialog ist, dessen Rahmen von einem Akteur mit ganz klaren unternehmerischen Zielen und Absichten gesteckt wurde, wissen die Anwohner_innen ziemlich genau. Ein wirklich ergebnisoffenes Gespräch auf Augenhöhe braucht einen anderen Rahmen, andere Voraussetzungen und muss von der Zivilgesellschaft initiiert werden. Die Initiative Hermannplatz ist eine zivilgesellschaftliche Initiative, die von ca. 26 weiteren Initiativen (u.a. Kotti & Co, Bizim Kiez, Kiezversammlung 44 etc.) unterstützt wird. Dass Florian Schmidt findet, es müsste um „Baukultur, Einzelhandel, und Aufwertung“ gehen – mag sein, aber schließlich sollten die Anwohner_innen entscheiden und formulieren, um was es gehen sollte und vor allem: wie und mit wem sie das diskutieren möchten.

In der Rubrik „What moves us“ deines Instituts wird von einer „neuen Zivilgesellschaft“ gesprochen. Was ist der Unterschied zur „alten Zivilgesellschaft“? Der Hauptunterschied liegt in den strukturellen Gegebenheiten, wie die Politikwissenschaftlerin Margit Mayer herausgearbeitet hat. Die „alte“ Zivilgesellschaft formierte sich im Kontext der sozialen Marktwirtschaft, also ab den 1960er Jahren bis in die 1980er hinein. Sie agierte gegen den technokratischen Staat, zum Beispiel mit der Besetzung von Altbauten, und gegen die Kahlschlagsanierung. Die neue Zivilgesellschaft geht den „ungezügelten Markt“ an –  nicht nur auf lokaler Ebene mit Hausgemeinschaften, die sich für das Vorkaufsrecht oder selbstverwaltetes Wohnen stark machen, oder Projekten im öffentlichen Raum –, sondern mehr und mehr mit cross movement building. Das meint, neue Bewegungen gehen vermehrt strukturelle Fragen an und bilden breite Bündnisse. „Deutsche Wohnen & Co. Enteignen“ geht der Frage des Eigentums und der Finanzierung des Wohnens an, „Stadt von Unten“ die Bodenfrage, „Kotti & Co“ die Frage des sozialen Wohnungsbaus und der Rekommunalisierung.

Wie wünschst du dir den Karstadt der Zukunft? Der Karstadt der Zukunft heißt „AndersStadt eG“, ist selbstverwaltet und gemeinwohlökonomisch. Signa wird enteignet, die Entschädigung entrichtet Nicolas Berggruen, der Karstadt 2010 für einen Euro erwarb und danach finanziell ausschlachtete. Diese radikale Veränderung – also die Enteignung – geschieht ganz ohne Abriss, Zerstörung, Raubbau an der Natur oder Massenentlassungen. Nur mit ein bisschen Umverteilung und ein paar Gesetzesänderungen. „AndersStadt eG“ gibt wesentlich weniger Geld für den Umbau des Gebäudes aus, denn es handelt sich ja nicht um einen spekulierenden, abschöpfenden, ausbeutenden Immobilienkonzern. Kleine Investitionen werden weise, behutsam und schonend eingesetzt. Der Output der Veränderungen ist an den Bedürfnissen der Mitarbeiter_innen, Einkaufenden und Anwohnenden orientiert. So wie es im 21. Jahrhundert sein sollte.

Foto: Victoria Tomaschko

Hintergrund: Die österreichische Immobilienentwicklerin Signa will das Karstadt-Gebäude neu gestalten. Nachdem der Bezirk die Planung des österreichischen Immobilienkonzerns Signa Ende August zunächst absagte und ein behutsameres Vorgehen statt Abriss und Neubau vorschlug, meldete sich Mitte September der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) zu Wort. Eine dreistellige Millioneninvestition könne nicht einfach abgesagt werden, findet er. Bezirksstadtrat Florian Schmidt (Grüne) erklärte sich anschließend für weitere Gespräche mit dem Konzern bereit, seine Meinung zum Bau habe er allerdings nicht geändert (kein „mall-artiges, das Umfeld beherrschende Monumental-Gebäude“). Beim Hoffest zeigte sich Schmidt dialogbereit. – Text: Corinna von Bodisco

Wenn Sie gerade ein Gedankenblitz haben, wer hier bald mal vorgestellt gehört, schreiben Sie ihn an mich. Hier meine Mail: leute-c.bodisco@tagesspiegel.de.

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Dieser Text erschien in meinem neuen Tagesspiegel-Newsletter für den Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Den kompletten Newsletter gibt es kostenlos und unkompliziert hier beim Tagesspiegel unter leute.tagesspiegel.de.
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