Nachbarschaft

Veröffentlicht am 21.11.2019 von Corinna von Bodisco

Thibault Chavanat arbeitet für das Immobilienunternehmen Signa und ist Leiter des Karstadt-Projekts am Berliner Hermannplatz. Mitte Mai stellte er im Stadtplanungsausschuss Friedrichshain-Kreuzberg erste Skizzen vor, wie sich Signa das Karstadtgebäude zukünftig vorstellt: eine Dachterrasse, eine Markthalle für alle, ein „multikulturelles Ärztehaus“. Seit einem Monat soll auch die Nachbarschaft in die Planung miteinbezogen werden.

Ende Oktober wurde bei einem Hoffest die „HRMNNBOX“ und die Fahrradstraße im Karstadt-Innenhof eröffnet. Was hat es damit auf sich? „Die Fahrradstraße ist eine einfache Maßnahme, die niemand ausgrenzt und neue Möglichkeiten schafft. Im Hinblick auf das Karstadt-Projekt wollen wir zeigen: Es ist möglich, Veränderungen positiv und für alle zu gestalten. Neben der Fahrradstraße und der Box gibt es auch noch das Urban Gardening Projekt und bis Ende November wird die Container-Fahrradwerkstatt geöffnet. Zusammen mit der Nachbarschaft wollen wir neue Ideen zu Themen wie der Verkehrswende testen. Außerdem interessiert uns für die kommende Entwicklung, wie diese Prototypen ankommen.“

Die Wissenschaftlerin Niloufar Tajeri bezeichnete die Diskussion beim Hoffest im Leute-Interview als „Scheindialog“. Die Besucher seien durch einen Holzzaun vom Podium getrennt gewesen. Was denken Sie dazu? „Das stimmt nicht: Die Tür vom Holzzaun war offen. Viele Leute standen auf dem Dach, vor uns, neben uns – überall. Es kamen Interessierte und Kritiker, am Ende stellten Besucher Fragen. Das war als Start für eine Dialogplattform ganz gut. Ich finde es ein bisschen schade, dass man sich nicht auf das Projekt konzentriert und mit solchen Fake-News argumentiert wird.“

Signa-Geschäftsführer Timo Herzberg kündigte einen „Arbeitsprozess im Sinne der Berliner Leitlinien für Bürgerbeteiligung“ an (tagesspiegel.de). Wie soll der Prozess aussehen? „Von Anfang an waren wir offen für ein Beteiligungsverfahren, aber das Verfahren kann nicht allein von uns kommen. Es käme der Verdacht auf, dass Signa als Eigentümer parteiisch agiert. Da verstehe ich auch die Kritik von Frau Tajeri. Deswegen wünschen wir uns ein Verfahren, das vom Bezirk durchgeführt wird. Wir schaffen den Ort und eine Plattform, werden aber selbst kein Dialogverfahren organisieren – ähnlich wie beim RAW-Gelände.“

Und was passiert, bis der Bezirk so ein Verfahren initiiert? „Die Phase bis Ende des Jahres ist für uns eine Zuhör-Phase. Dafür haben wir in der Hrmnnbox Sprechstunden. Der erste Termin war am Mittwoch – der zweite ist am 5. Dezember geplant, von 17 bis 19 Uhr. Interessierte können uns treffen, auf Augenhöhe mit uns reden und ihre Ideen und Bedenken mitteilen. Danach werden hoffentlich die Fachgespräche mit dem Bezirk starten.“

Hat sich das Bauvorhaben seit Mai konkretisiert? „Ja und nein. Wir haben im Mai eine architektonische Richtung im Sinne einer Nutzungsmischung vorgeschlagen. Bei diesem Vorschlag bleiben wir. Gleichzeitig ist es ein Vorschlag und keine alternativlose Bedingung. Weder dieser Vorschlag noch Gegenvorschläge wurden bisher ausführlich besprochen. Nach der Absage des Bezirks im Sommer haben wir uns Ende Oktober mit Baustadtrat Florian Schmidt auf einen gewissen Neustart verständigt.“

Der da wäre? „Wir wollen anhand von drei Themenkomplexen diskutieren, ob unser Vorschlag mit dem übereinstimmt, was an diesem Standort notwendig ist. Erstens: Soll an den Karstadt von früher angeknüpft werden? Punkt zwei betrifft die Nutzungen und wie der Karstadt für die nächsten 90 Jahre fit gemacht werden kann. Das ist mit der heutigen Filiale nicht möglich. Gemeinsam mit dem Bezirk wollen wir deswegen unseren Vorschlag der Nutzungsmischung prüfen. Drittens stellt sich die Frage: Wie kann das Projekt sozial verantwortungsvoll geplant werden.“

Apropos soziale Verantwortung: Beim Hoffest rollten Aktive der „Initiative Hermannplatz“ ein Banner aus: „Kein Abriss, keine Aufwertung, keine Verdrängung“ stand darauf. Können Sie die Ängste nachvollziehen? „Wir nehmen diese Ängste sehr ernst und wollen bei der Entwicklung des Projekts Lösungen schaffen. Wir können natürlich nicht die Situation aller Mieter lösen, aber mit der Integration von mietpreisgebundenen Wohnungen einen Beitrag leisten. Für Angebote wie eine Kita, die gebraucht werden, sind wir weiterhin offen.“

Eine Angst ist der Abriss. Warum soll es den geben? „Ein Abriss mit Ausnahme der denkmalgeschützten Fassade ist unser Vorschlag. Warum? Die prachtvolle Architektur war damals ein Stück Identität für die Nachbarschaft – da merken wir auch Interesse, dass es wieder so werden könnte. Das historische Beispiel kann ganz viel: Lichthöfe und mehr Fläche schaffen, Spielraum für Gewerbe und bezahlbare Wohnungen. Wir wollen ein Stück Identität zurückgeben, damit der Karstadt wettbewerbsfähig bleibt. Besucher kaufen heute nicht mehr vor Ort ein, nur weil es praktisch und günstig ist, sondern weil sie etwas erleben. Wenn die Architektur etwas Besonderes bietet – wie eine öffentliche Dachterrasse – ist das ein wichtiger Unterschied zum Online-Shoppen.“

Ist der Abriss im Dialogverfahren verhandelbar? „Ich denke, der Abriss ist nicht die zentrale Frage. Hauptfrage ist: Was wird hier gebraucht. Es gibt eine Einigkeit darüber, dass der Karstadt wichtig ist und erhalten bleiben muss. Die circa 35.000 Quadratmeter Verkaufsfläche können aber nicht mehr effizient bespielt werden, die Filiale ist grundsätzlich zu groß und muss sich weiterentwickeln. Ebenso wie das oberirdische Parkhaus – Parkplätze sollte es nur unterirdisch geben.“ – Interview: Corinna von Bodisco

Der Service: In der „HRMNNBOX“ finden Sie neben der Verkaufstheke ein Magnet-Karstadt-Spiel. Dort können Wünsche für das Bauprojekt festgehalten werden. Außerdem: Ein Postkarten-Set zeigt den historischen Karstadt in fünf Motiven. Zu haben ist es bei allen Karstadt-Kassen, in der „HRMNNBOX“ und bei der Ausstellung „Kiezgestein – 90 Jahre Karstadt am Hermannplatz“ im 4. OG (Eintritt frei, geöffnet Montag-Samstag 8-20 Uhr).

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