Nachbarschaft

Veröffentlicht am 06.02.2020 von Nele Jensch

Daniel Koening ist gelernter Brauer und arbeitet bei Johannes Heidenpeter in der Brauerei Heidenpeters unter der Markthalle 9. Hier erzählt er von seiner Arbeit und erklärt, wie er und andere Markthändler*innen unter dem Streit um die Halle leiden – und warum sie trotzdem weitermachen wollen.

„Ich arbeite als Brauer bei Johannes Heidenpeter, der seit sieben Jahren eine kleine feine Handwerksbrauerei für alle in und unter der Markthalle 9 betreibt. Jeden Tag braue ich leckeres Bier für unseren Kiez, von Pils und Hellem bis zu IPAs und Stouts, insgesamt brauen wir circa 14 verschiedene Biersorten. Unsere Biere gibt es jeden Tag, außer Montags, von 12 bis 20 Uhr im Ausschank an unserer Bar in der Halle, sowie in der Flasche oder in Gastronomien in Berlin.

Meistens geht es bei mir morgens um 7 Uhr los an unserer kleinen 10-Halbe-Liter-Brauanlage, dazu kommt sehr viel manuelles Putzen, Fässer abfüllen usw. Brauen ist auch heutzutage harte körperliche Arbeit. Natürlich können wir preislich nicht mit Sterni & Co konkurrieren, das wollen wir auch gar nicht. Zum Vergleich: Wir brauen handwerklich 3.000 Liter pro Woche – die Berliner Radeberger Großbrauerei, die hinter dem Berliner Pilsner steckt, braut dagegen komplett automatisiert ca. 3,5 Millionen Liter (!) pro Woche.

Wir müssen daher schon mehr pro Liter nehmen als die Großen, aber wir haben seit Dezember unseren „Kiezliter“ am Start, sozusagen die Milchkanne von früher. Mit dieser kann man sich bei uns frisch abgefülltes unfiltriertes Bier mit nach Hause nehmen. Der Preis ist fair (4 Euro für Standardsorten) und wir laden alle Nachbarn herzlich dazu ein, leckeres Bier von eurer lokalen Brauerei zu probieren. Wir bieten übrigens auch Brauereiführungen an, bei Interesse kann man sich gerne melden. Auch über Rückmeldungen zu unseren Bieren freue ich mich.

Wir von Heidenpeters, wie auch alle anderen Markthändler, kämpfen sehr damit, dass wir unter dem Diskurs um die Markthalle leiden. Wir machen gutes, traditionelles und ehrliches Handwerk für alle, es werden lokale Arbeitsplätze geschaffen,
wir bilden seit dieser Woche unseren ersten Azubi aus und versuchen, nachhaltig zu wirtschaften. Trotzdem werden wir leider in ein und denselben Topf geschmissen wie irgendwelche Luxusläden, Discounter oder Immobilienhaie. Ziemlich unfair, finde ich. Hoffentlich klärt sich der Markthallen-Stress bald. Die Situation ist nicht schön. Zu viel negativer Diskurs und laute Emotionen. Ob nun Aldi, DM oder eben nicht, wir machen weiter – für unseren Kiez!“

Streetfood mit Protest: Die Kritik gegenüber der Markthalle 9 ist weiterhin präsent. Warum junge Menschen am heutigen Donnerstag zur Demo während des beliebten „Streetfood Thursday“ aufrufen, lesen Sie hier.

Text: Nele Jensch, Foto: privat

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: nele.jensch@extern.tagesspiegel.de

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