Nachbarschaft

Veröffentlicht am 20.02.2020 von Corinna von Bodisco

Das Kreuzberger Hebbel am Ufer wird vom 22. bis 27. Februar zum Netzwerkknoten für 255 Filmemacher aus 86 Ländern – bei der internationalen Nachwuchs-Plattform „Berlinale Talents“. Eine Woche wird in Workshops und Studios gemeinsam an Projekten gearbeitet und mit renommierten Filmemachern über das Thema „Kollektive“ diskutiert. Der 38-jährige Kameramann Johannes Louis koordiniert das „Camera Studio“ und war vor fünf Jahren selbst „Talent“. Ich habe mit ihm über Berlin als Filmstadt, das Filmthema und Bären im Film gesprochen:

Berlin ist nicht nur während der Berlinale eine Filmstadt. Empfinden Sie das als Chance oder großen Konkurrenzdruck?

Man kann sich fragen, ob es Sinn macht, als Filmemacher in Berlin zu leben. Einerseits gibt es hier die höchste Dichte an Projekten, gleichzeitig aber auch die größte Konkurrenz. Doch Netflix bringt etwas Positives: Es wird mehr gedreht, das heißt, es gibt mehr Jobs. Als Kameramann sehe ich es gerade so: Es gibt zu viele Projekte, die kann ich gar nicht alle drehen. Außerdem kann man sich regelmäßig mit anderen Kameraleuten austauschen.

Im Sinne von „Kollektiven“, dem diesjährige Thema von Berlinale Talents?

Ein Kollektiv ist es nicht, das würde bedeuten, dass wir miteinander arbeiten. Aber ich sehe mich nicht als Einzelkämpfer und treffe verschiedene Gruppen, in denen wir uns Feedback zu den eigenen Arbeiten geben. Das sind zum Beispiel Studienkollegen von der Filmschule Babelsberg oder Mitglieder des Berufsverbandes Kinematografie. Steht irgendetwas Neues an, kann man untereinander fragen: Wie ist es mit einem Bären zu drehen?

Für den Kurzfilm „Berlin Metanoia“ gewannen Sie 2017 den Kamerapreis. Ein Bär befreit sich aus seinem Zwinger, Panik bricht aus. Wie ist es, mit einem Bären zu drehen?

Die Arbeit am Set muss noch genauer geplant werden. Vorlage war die damals noch im Bärenzwinger im Köllnischen Park lebende Stadtbärin „Schnute“. Selbst wenn man mit einem filmerfahrenen Bären dreht, bleibt es ein unberechenbares, wildes Tier mit großer Kraft und eigenem Kopf. Die Sicherheitsvorkehrungen schränkten die Möglichkeiten zwar ein, andererseits blieb es eine Herausforderung, gute Bilder zu drehen.

Sie arbeiten viel mit dem Regisseur Erik Schmitt zusammen. Wie kam es dazu?

Wir haben uns zufällig auf einem Geburtstag von einem gemeinsamen Bekannten getroffen. Der meinte dann: Hey Erik, du suchst doch nach einem Kameramann –Johannes ist einer, unterhaltet euch mal! Das haben wir dann gemacht und erst mal viel ausprobiert. Der Arbeitsprozess mit Erik ist sehr praktisch, visuelle Spielereien sind in seinen Filmen sehr wichtig. Nach diesen ersten Experimenten haben wir alles zusammen gemacht: Die ersten Produktionen waren die Kurzfilme „Nashorn im Galopp“ (2012) und „Berlin Metanoia“ (2016), danach folgte sein Langfilmdebüt „Cleo“ (2019).

Gibt es in diesen Filmen etwas, das wiederholt auftaucht?

Die eigentlich sehr alten analogen Filmtricks, die man in den heutigen digitalen Zeiten schon fast nicht mehr benutzt. Die verzahnen wir mit moderner Technik oder Bildern, die man in einem anderen Kontext gesehen haben könnte.

Eine von diesen Tricks ist ein großer Finger, der die Berliner Häuserkulisse verschiebt. Von wem stammt diese Idee?

Das kommt in diesem Fall von der Regie und von mir. Als Kameramann ist man darauf angewiesen, dass der Regisseur solche visuellen und technischen Mittel versteht. Das ist bei Erik der Fall. So eine Arbeitsweise ist nur möglich, wenn eine Vision geteilt wird.

War es eine Herausforderung, Berlin zum Thema zu machen?

Im Idealfall findet man für den Stoff die richtige Form – das ist hier mit den visuellen Spielereien gelungen, finde ich. Ich habe es nie als Herausforderung gesehen, Berlin und die „Seele der Stadt“ waren von Anfang an Teil des Themenkonglomerats. Das hat sich organisch so ergeben, auch weil wir alle in Berlin leben.

Sie haben auch die erste und die vierte Staffel der Jugend-Web- und Fernsehserie „Druck“ gedreht. Die spielt auch in Berlin. Wo habt ihr gedreht?

Ganz am Anfang stand die Überlegung, in einem bestimmten Berliner Kiez zu erzählen. Schlussendlich war der Ansatz: Berlin steht nicht im Vordergrund, sondern die Probleme und Geschichten der Teenager. So haben wir uns beim Dreh in der Stadt verteilt und Orte gesucht, die für die Geschichten Sinn machen: ob in einer Schule im Nordosten der Stadt – fast schon in Brandenburg –, an der Rummelsburger Bucht, in Friedrichshain oder Neukölln. So wurde ein fiktiver Ort geschaffen, in dem die Zuschauer Berlin erkennen oder eben eine andere deutsche Großstadt.

Ein bisschen das Gegenteil von Erik Schmitts Filmen…

Ja, bei Metanoia, Nashorn oder Cleo ist die Stadt Thema und auf verschiedensten Ebenen wird klar, dass diese Stadt Berlin ist. Das ist auch das Schöne an meinem Beruf, dass es je nach Regie um verschiedene Aspekte geht: Schmitt arbeitet visuell-verspielt, Pola Beck von „Druck“ setzt den Fokus auf die Schauspieler.

Sie koordinieren bei den Berlinale Talents das „Camera Studio“. Wie ist das aufgebaut und wie viele Talents machen mit?

Es machen 16 „Camera Talents“ und drei Talents aus anderen Gewerken mit, insgesamt also 19. Das Studio hat das Thema Farbe und Lichtgestaltung und untergliedert sich in drei Stationen, die eine reale Filmproduktion nachbilden. Die erste beschäftigt sich mit der Planung und Vorproduktion. Die australische Kamerafrau Bonnie Elliott wird über eines ihrer Projekte sprechen. Bei der zweiten Station können die Talents moderne Lichttechniken ausprobieren und die letzte Station ist die Postproduktion. Gemeinsam mit dem Coloristen Dirk Meier und dem Kameramann Juan Sarmiento arbeiten wir dann mit Möglichkeiten der Farbkorrektur.

Wie kann man sich den zweiten praktischen Teil vorstellen?

Die Talents werden anhand einer Geschichte über Farbe und Licht eine Stimmung definieren. Bei LED-Leuchten können Farbe und Intensität zum Beispiel sehr schnell gewechselt werden. Es geht dann darum, sich zu fragen, ob diese oder jene Farbe eine bestimmte Emotion kreiert.

Was passiert sonst noch bei Berlinale Talents?

Den Talents wird außer den Studios noch viel Anderes angeboten: Podiumsdiskussionen, Filmvorführungen, praktische Seminare oder eine Besichtigung des Studios von Ólafur Elíasson. Die Möglichkeit, so viele Filmemacher aus der ganzen Welt zu treffen ist total inspirierend und vielfältig. Die Woche ist unglaublich intensiv, man schläft kaum, unterhält sich die ganze Zeit über Filme, Ansichten zu arbeiten und eigene Projekte.

An was arbeiten Sie aktuell? Wird es wieder einen Berlin-Film geben?

Es gibt zwei Produktionen, an denen ich arbeite, aber die sind noch zu frisch, als dass ich mehr dazu sagen könnte. Es wird nicht um Berlin gehen, ein Projekt wird im Ausland gedreht. Das macht mir auch großen Spaß.

Foto: Max Currie 

28 Talks mit renommierten Filmemachern und Filmvorführungen von Talent Alumni im Hebbel am Ufer sind öffentlich, mehr Infos auf berlinale-talents.de. Einen Talk-Tipp lesen Sie unten in der Rubrik „Kultur“.

Infos und Trailer der Filme von Johannes Louis: johanneslouis.com.

Wenn Sie gerade einen Gedankenblitz haben, wer hier bald mal vorgestellt gehört, schreiben Sie mir. Hier meine Mail: leute-c.bodisco@tagesspiegel.de.