Nachbarschaft

Veröffentlicht am 26.03.2020 von Corinna von Bodisco

Christiane Feldmann, 43, ist internistische Intensiv-Assistenzärztin im Kreuzberger Vivantes Klinikum Am Urban. Bis zu acht Mal im Monat übernimmt sie auch Notarzteinsätze. Diese starten von der Feuerwache Urban, denn in Berlin sind die Notarztdienste im Auftrag der Feuerwehr unterwegs.

Was hat sich an Ihrem Arbeitsalltag geändert? Als es vor zwei Wochen mit dem Anstieg der Infektionsrate in Berlin losging, haben wir begonnen, die Stationen umzustrukturieren. Eine Intensivstation wurde für Patienten mit einer nachgewiesenen Coronavirusinfektion bereitgestellt. Außerdem gibt es bisher vier andere Stationen für Corona-Verdachtsfälle, die bis zum Testergebnis isoliert werden müssen.

Wie ist die Personalsituation? Wir haben bereits Personalkräfte rekrutiert, die auf der Intensivstation mitarbeiten können. Dort gibt es viel Technik wie Beatmungsgeräte, Spritzenpumpen, Absauggeräte. Dafür brauchen wir natürlich Leute mit Erfahrung. Außer Notfälle wurden operative Eingriffe aktuell verschoben. Das Personal aus den OP-Sälen kam dann zu uns, zum Beispiel Anästhesiepfleger, die Kenntnis über die Geräte haben.

Und sollte diese Unterstützung nicht reichen? Im Haus gibt es einen Pandemieplan. Dieser sieht vor, auch Ärzte und Pfleger anderer Abteilungen wie der Unfallchirurgie oder Psychiatrie bei uns einzusetzen, sollte das Personal wegen des Zulaufs eng werden. Die Kollegen würden dann nicht unmittelbar am Patienten arbeiten, könnten aber administrativ helfen. Bisher müssen aber die meisten Corona-Patienten nicht auf die Intensivstation. Das sind sehr alte Menschen und solche mit Vorerkrankungen.

Wie schützen Sie sich selbst? Wir kennen das verkleidete und isolierte Arbeiten bereits im Umgang mit Tuberkulose- oder Influenza-Patienten. Trotzdem ist es ein anderes Arbeiten, wenn auf einer Station jedes Zimmer mit isolierten Corona-Patienten belegt ist. Es ist ein Aufwand, sich vor dem Eintreten mit einem Plastikmantel, Haube, Maske und Schutzbrille zu verkleiden und alles beim Verlassen des Zimmers wieder auszuziehen ohne sich zu infizieren.

Was passiert danach mit der Schutzkleidung? Normalerweise wird das abgeworfene potentiell infizierte Material abgeworfen und entsorgt. Aktuell gibt es aber eine weltweite Knappheit an Schutzausrüstung, deswegen sollen wir bewusst und sparsam damit umgehen. So habe ich vor jedem Patientenzimmer eine mit meinem Namen beschriftete FFP-Maske („Filtering Face Pieces“, Anm. d. Red.) liegen und verwende diese immer nur bei denselben Patienten.

Was ist mit den Handschuhen? Tätigkeiten wie das Umbetten, bei denen man auf Handschuhe theoretisch verzichten kann, sollen nun ohne Handschuhe durchgeführt werden – oder wir können sie bis zu fünf Mal desinfizieren. Natürlich gilt das nicht bei Corona-Patienten oder solchen mit anderen ansteckenden Krankheiten.

Wie treten Sie den nächsten Wochen entgegen? Ich bin noch entspannt, weil uns in Deutschland viel mehr Intensivbetten und technische Mittel zur Verfügung stehen als in Italien. Meine Hoffnung ist, dass wir der Situation des Triagierens entgehen. Das meint, dass Ärzte entscheiden, wer eine Intensivtherapie bekommt und wer nicht. Außerdem haben wir in Berlin eine andere Sozialstruktur als in Italien. Ich vermute, dass hier weniger Durchmischung zwischen den vielen jungen Zugezogenen und Senioren stattfindet.

Was raten Sie für den Alltag? Junge Menschen sind manchmal Überträger, obwohl sie kaum Symptome zeigen. Menschen, die Immunsuppressiva wie beispielsweise Cortison einnehmen oder die krankheitsbedingt eine Immunschwäche haben, fahren aber auch U-Bahn. Bei diesen Leuten kann eine Ansteckung dramatisch ausgehen. Also Hände waschen, auf keinen Fall in die Hand, sondern in die Ellenbeuge niesen. Das vermindert schon die Wahrscheinlichkeit, die eigenen Keime weiterzugeben. Außerdem empfehle ich das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Was wünschen Sie sich gerade? Wenn meine Kollegen und ich außerhalb des Schichtdienstes Zeit zum Einkaufen haben, gibt es oft nichts mehr, weil Hamsterkäufe getätigt wurden. Es wäre wunderbar, würde in den Supermärkten darauf Rücksicht genommen. Das Bewusstsein um Prioritäten, also wann man jetzt eine Rettungsstelle konsultiert, wäre ebenfalls wichtig.

Wann sind Besuche noch möglich? Laut Senat gibt es ein Besuchsverbot in Krankenhäusern mit Ausnahme von Kindern und Sterbenden. Bei diesen Fällen gilt die Besuchsregelung „im Ermessen des Arztes“. Der Besuch, etwa drei Leute, können unter Einhaltung der Hygienevorschriften vom Sterbenden Abschied nehmen.

Foto: privat

Offener Brief an den Senat. Pflegekräfte aus vielen Krankenhäusern und Heimen apellierten am Mittwoch, 25. März, an die Politik, Klinikleiter und Krankenkassen, ausreichend Schutzutensilien und Desinfektionsmittel zu beschaffen. Beschäftigte der Berliner Klinikketten Charité und Vivantes fordern in einem offenen Brief an den Senat: „Das Land Berlin muss einen Weg finden, Masken, Schutzkittel, Schutzbrillen, Handschuhe und Desinfektionsmittel zu produzieren.“ tagesspiegel.de

 

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