Nachbarschaft

Veröffentlicht am 09.04.2020 von Nele Jensch

Die Kreuzberger Wassertorstraße 63/64 springt seit Mitte März ins Auge: Acht bunte Figuren verschönern die vormals graue Fassade. Gestaltet wurde das große Wandgemälde „The Thread That Ties Us Together“ („Der rote Faden, der uns zusammenhält“) von Emily Eldridge. Es ist Teil des „One Wall“-Projekts des Urban Nation Museums. Die US-amerikanische Künstlerin lebt in Berlin.

Was ist beim Bemalen einer so großflächigen Wand besonders? „Die körperliche Handlung, etwas zu bemalen, das so viel größer ist als ich, bringt sehr viel Spaß. Es wirkt auf meinen Körper therapeutisch und kraftvoll zugleich. Die Aktion ist sportlich, verlangt mir viel Ausdauer, Muskeln und Energie ab. Und die Vorbereitung auf so ein großes Projekt ist sehr anders als bei kleineren Werken. Dafür braucht es Mathematik, Messungen und spezielles Werkzeug, um sicherzustellen, das Design korrekt und maßstabsgetreu replizieren zu können. Das kann manchmal etwas kompliziert sein, ist aber auch eine lustige Herausforderung.“

Ihr buntes Fassadengemälde zeigt Figuren bei alltäglichen Tätigkeiten. Was hat Sie inspiriert? „Ich wollte ganz verschiedene Menschen zeigen, die in dieser Nachbarschaft leben – quasi ein Ausschnitt aus dem Alltag. Jemand kauft ein, dann sieht man einen Studenten oder eine Person, die sich im Park ausruht. Es gibt sogar eine spielerische Version von Berlins Ampelmännchen.“

Warum gerade ein Wandgemälde am Wassertorplatz? „Die Fassade ist für viele umliegende Wohnblöcke und ihre Bewohner sichtbar. Es bringt Farbe in die Nachbarschaft, wirkt revitalisierend. Den Ort haben wir gemeinsam ausgesucht – mit Urban Nation und der Stiftung Berliner Leben.“

Für die Malaktion Mitte März waren eigentlich Besucher zum Zuschauen eingeladen. Was hat die Corona-Situation am Entstehungsprozess geändert? „Es waren weniger Besucher da, als wir sie unter normalen Umständen erwartet hätten. Ein wenig enttäuschend war, dass ich den Prozess und den Gedanken hinter dem Wandgemälde deswegen nicht allen erklären konnte. Zum Glück läuft die Wand nicht weg. Es bleibt ein Weg, um Gespräche anzuregen und viele Interessierte können sie anschauen und genießen, auch wenn sie den Entstehungsprozess nicht live verfolgt haben.“

  • Die bunten Figuren von Emily Eldridge fielen schon an manchen Hall-of-Fame-Wandflächen ins Auge. Das Kunstwerk am Kreuzberger Kastanienplatz ist ihr erstes großflächiges und dauerhaftes Fassadengemälde in Berlin.
  • Das Foto machte Nika Kramer
  • Das Interview und die Übersetzung stammt von Corinna von Bodisco
  • Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: nele.jensch@extern.tagesspiegel.de