Nachbarschaft

Veröffentlicht am 07.05.2020 von Nele Jensch

Tina Bidiak von „Berlin vs. Amazon“ engagiert sich gegen den Bau des Edge East Side Towers an der Warschauer Brücke. In dem 140 Meter hohen Büroturm sollen 28 von 35 Stockwerken von dem Internetgiganten Amazon bezogen werden – Bidiak und „Berlin vs. Amazon“ befürchten, dass der „Amazon Tower“ die Gentrifizierung im Bezirk weiter beschleunigen wird.

Welche Konsequenzen befürchten Sie für Friedrichshain-Kreuzberg, wenn der Edge East Side Tower tatsächlich gebaut und zu einem Großteil von Amazon bezogen wird? Uns wird das gleiche Schicksal erwarten wie Seattle, wo Amazon in den 90er Jahren ein Hauptquartier eröffnet hat: Gentrifizierung wird vorangetrieben, als Folge davon steigen die Mieten, die lokalen Kleinbetriebe können nicht mithalten und werden verdrängt. Damit stirbt das kulturelle Leben langsam aus und die Zahl der Arbeits- und Obdachlosen steigt. Auf lange Sicht, mit der Entwicklung anderer Bauprojekte wie die Media Spree, würde Friedrichshain-Kreuzberg zu einem Bürogebäudebezirk ohne Tourismus-Anreiz werden – auch ein Verlust für die Stadt. Denn sie ist als Ort der Freiheit, Offenheit und Kreativität sehr beliebt. Wenn wir Berlins Einzigartigkeit nicht verteidigen, wird es eine Metropole sein wie jede andere. Man spricht von der drohenden Londonisierung Berlins, und ich glaube, das ist ein passender Begriff.

Im Oktober 2019 versuchte der Bezirk, die Baugenehmigung zu widerrufen, der Senat gab jedoch grünes Licht für den Turm und die Arbeiten haben bereits begonnen. Glauben Sie, dass der Bau – oder zumindest der Einzug von Amazon dort – durch Proteste und Interventionen der Bezirkspolitik dennoch verhindert werden kann? Wir können auf zwei positive Beispiele zurückblicken: Einerseits das gescheiterte Hauptquartier im New Yorker Stadtteil Queens 2019 und andererseits der gescheiterte Google-Campus in Kreuzberg 2018 – beides nach zahlreichen Protestaktionen. Der Bezirk ist auf unserer Seite, das ist eine gute Voraussetzung. Was wir jetzt brauchen, ist die Beteiligung der Bevölkerung, und zwar eine massive. Wenn die Einwohner von Friedrichshain-Kreuzberg – oder ganz Berlin – sich organisiert gegen den Bau positionieren, kann das in einer Demokratie nicht unberücksichtigt bleiben.

Ist der Amazon-Tower nicht auch eine Chance für Berlin? Immerhin würden neue Jobs entstehen. Das Jobs-Argument wird häufig erwähnt. Was dabei aber verschwiegen wird ist, dass gleichzeitig eine Menge an Jobs wegfallen würden, und zwar im Zuge der Verdrängung der Kleinbetriebe im Bezirk. Außerdem werden die neu entstehenden Jobs selten durch die Bewohner in der Umgebung selbst gefüllt. Und der wichtigste Punkt: Amazon ist eine Firma, die ihre Angestellten unter inhumanen Bedingungen, vor allem jetzt während der Epidemie, arbeiten lässt, die keine Steuern zahlt, mit staatlichen Behörden der USA zusammenarbeitet und als „everything seller“ versucht, die Marktkonkurrenz ganz aus der Welt zu schaffen. Amazon ist kein guter Nachbar. Ich glaube nicht, dass wir für so eine Firma arbeiten wollen. Und wenn wir es tun, können wir nur verlieren. – Foto: promo