Nachbarschaft
Veröffentlicht am 20.05.2020 von Corinna von Bodisco
Seit über 30 Jahren spielt Adolfo Assor in seinem „Garn Theater“ nahezu täglich Ein-Mann-Vorstellungen. Das Keller-Gewölbetheater in der Katzbachstraße 19 ist 500 Quadratmeter groß, muss wegen Corona aber gerade geschlossen bleiben. Das setzt dem Künstler ziemlich zu.
Was hat sich an deinem Alltag geändert? Die Schließung meines Theaters war eine große Veränderung für mich und ein riesiges Problem. Ab März durften keine Vorstellungen mehr stattfinden. Auf einmal hatte ich das Gefühl, mein Lebenssinn ist verschwunden. Ich lebe für die Kunst und dieses Leben war plötzlich nicht mehr da. Das empfinde ich als sehr schmerzhaft.
Normalerweise spielst du fünf Vorstellungen pro Woche. Ja, von Donnerstag bis Montag jeweils ab 20.30 Uhr.
Was machst du gerade stattdessen? Ich beschäftige mich weiterhin mit Texten, zum Beispiel mit „Beckett und Godot“ von Juan Radrigan. Er war ein bedeutender chilenischer Theaterautor und Kämpfer gegen das Unrecht zu Zeiten der Militärdiktatur (Nach einem Militärputsch 1973 gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende regierte Augusto Pinochet Chile bis 1990 diktatorisch, Anm. d. Red.). Gemeinsam mit einem chilenischen Bekannten denke ich über eine Neuinszenierung nach. Aber das ist noch sehr unsicher.
Welche Stücke hast du sonst im Programm? Wenn Corona nicht wäre, hätte ich drei Monate durchgängig „Das Beruhigungsmittel“ von Samuel Beckett gespielt. Das ist jetzt allerdings unterbrochen. Sonst würde ich gerne mal wieder etwas von dem portugiesischen Dichter Fernando Pessoa auf die Bühne bringen – oder auch „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ von Nikolai Gogol.
Was erhoffst du dir für die nächsten Wochen und Monate? Am liebsten würde ich bald weiterspielen! In meinem Theater gibt es genug Platz und die Zuschauer könnten mit ausreichend Abstand voneinander sitzen. Vor Corona kamen durchschnittlich zehn Zuschauer pro Aufführung. Wenn ich wieder spielen dürfte, käme ich aber auch schon mit bis zu sechs Zuschauern über die Runden.
Du spielst meist allein. Das kommt hinzu. Es ist kein ganzes Ensemble auf der Bühne. Vielleicht müsste ich mal dem Kultursenator Klaus Lederer schreiben und ihn fragen, was er von Ein-Mann-Aufführungen für nur sechs Personen hält. Außerdem: Bei Beckett schreie ich kaum, meine Stimme geht von alleine in die Tiefe.
Du machst auch Filme, wie sieht es da aus? Das ist gerade noch schwieriger. Manchmal bewerbe ich mich bei „E-Castings“. Ich verstehe gar nicht, warum ich das machen muss. Schließlich bin ich nicht so unbekannt. Generell braucht es jetzt bei den Drehs neue Ideen, denn es ist schwierig, Distanz zu halten. Von wegen Liebesbeziehungen. Gestrichen!
Foto, aufgenommen mit ausreichend Abstand: Corinna von Bodisco
- Adolfo Assor hat schon in „mindestens 120 Filmen“ mitgespielt (Auswahl hier), zum Beispiel den Vater von Rapper Bushido in „Zeiten ändern dich“.
- Wenn Sie sich mit den Texten von Fernando Pessoa vertraut machen wollen, bis diese im Garn Theater wieder gezeigt werden können, gibt es im Bayerischen Rundfunk ein Hörspiel, eingesprochen von Robert Gwisdek, aka Käptn Peng.
- In Hessen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen dürfen die Theater übrigens unter strengen Hygienevorschriften wieder öffnen. Doch „welches Theater ist unter diesen Bedingungen überhaupt möglich?“, fragt Deutschlandfunk Kultur.
- Wenn Sie gerade einen Gedankenblitz haben, wer hier bald mal vorgestellt gehört, schreiben Sie mir. Hier meine Mail: leute-c.bodisco@tagesspiegel.
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