Nachbarschaft

Veröffentlicht am 25.06.2020 von Nele Jensch

Die Friedrichshainer Band „Pleasure Trips“ macht zwar keinen Sunshine-Pop, aber definitiv gute Laune. Hier erzählen sie, wie sie ihr Kiez inspiriert und wie ein Video der Band zum Corona-Zeitdokument wurde.

„Pleasure Trips“ klingt sehr verheißungsvoll – macht eure Musik tatsächlich gute Laune? Das wird uns zumindest immer wieder gesagt. Die meiste Zeit machen wir eigentlich gar nicht so einen Sunshine-Pop, aber solange es nicht zu platt und kitschig ist, sind unsere Songs eher verspielt und mit ‘nem Augenzwinkern als dass sie super ernst und düster klingen. Dazu kommen noch Einflüsse aus der Soulmusik, ab und zu ein bisschen Karibikfeeling und natürlich unsere positive Ausstrahlung. Aber Pleasure Trips muss man nicht nur als Erholungsreise verstehen. Gestern kam jemand zu uns an den Tisch und fand den Namen so schön zwielichtig-doppeldeutig, dass er gleich einen Sticker von uns mitgenommen hat.

Ihr seid eine Friedrichshainer Band – welchen Einfluss hat euer Kiez auf eure Musik beziehungsweise eure Texte? Viele Ideen für Texte und Melodien kommen, wenn man durch den Kiez schlendert und die Gedanken vor sich hintreiben lässt. Leider wird der Stadtteil immer weiter gentrifiziert und verliert damit auch an Reiz und kreativen Freiräumen. Aber es treffen immer noch spannenden Gegensätze aufeinander, was wiederum an unseren Bandnamen anschließt. Außerdem haben wir bisher unsere meisten Gigs in Friedrichshain gespielt, in tollen Läden wie dem Artliners, dem Supamolly, Filmrisz, auf dem RAW-Gelände oder auf dem Suppe&Mucke-Straßenfest. Letztes Jahr haben wir ein Musikvideo zu „Summer in the City“ am Strausberger Platz, Boxhagener Platz und auf der Frankfurter Allee gedreht und so Friedrichshain darin verewigt.

Anfang des Monats habt ihr euer neues Album „Lovers and Doubters“ veröffentlicht; erzählt ihr uns ein bisschen was darüber? „Lovers and Doubters“ haben wir schon vor gut einem Jahr aufgenommen und endlich in Eigenregie veröffentlicht. Es ist unser erstes richtiges Album und wir sind mächtig stolz darauf. Abwechslungsreiche Songs, super aufgenommen, ein tolles Cover und das ganze nicht nur digital hörbar, sondern auch auf Vinyl gepresst. Der Titel des Albums ist Programm, die Songs handeln von Beziehungen und Freundschaften, von Veränderung und Abschied, von Sehnsüchten und vom Wiedersehen. Nicht Lovers und Haters, sondern Liebende und Zweifelnde als Gegenspieler. Oft sind es Zweifel, die die Liebe verhindern, und es ist die Liebe, die die Zweifel überwindet.

Außerdem habt ihr gerade das Video „Picture in my Wallet“ veröffentlicht. Darin sind tanzende Menschen in unterschiedlichsten Situationen – von Wohnzimmer bis S-Bahn – zu sehen. Ist das Video auch ein Stück Zeitdokument der Corona-Krise? Es war nicht so geplant, aber das Video wurde ein Kind seiner Zeit. Wir haben schon letztes Jahr festgestellt, dass zu diesem Lied immer tanzende Menschen passen. Egal, welcher Stil getanzt wird. Zum ersten Mal ist es uns aufgefallen, als die ehemalige britische Premierministerin auf einem Parteitag steif tanzend auf die Bühne kam und wir dazu den Song laufen hatten. Im März starteten wir den Aufruf, dass unsere Fans und Freunde sich beim Tanzen filmen und uns die Videos schicken. Wenn man nicht unter Menschen darf, dann hat man eh nicht viel Besseres zu tun, als zuhause zu tanzen. Das Ganze ist eine superbunte Mischung voller positiver Energie geworden. Genau, was man in solchen Zeiten braucht.

Derzeit finden so gut wie keine Konzerte statt. Wie und kann man trotzdem in den Genuss von „Pleasure Trips“ kommen? Ja, leider ist unsere Record Release Party erstmal ausgefallen. Wir haben überlegt, ob wir stattdessen ein Onlinekonzert geben, aber das ist nicht das gleiche wie ein Live-Gig, bei dem man als Band mit dem Publikum interagiert und eine direkte Reaktion zurückkriegt. Wir haben ein paar Songs zuhause aufgenommen und die auf Instagram und Facebook geteilt. Es kam auch zu einer spontanen Akustiksession, aus meinem Wohnzimmer live auf Instagram gestreamt. Vielleicht ergibt sich noch was, aber eigentlich warten wir gespannt darauf, wann wir endlich unsere Party nachholen können, wahrscheinlich Open Air, wo immer es auch unter den gegebenen Auflagen möglich ist.

Foto: John Davids

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: nele.jensch@extern-tagesspiegel.de

+++ Dies ist ein Auszug aus dem Bezirksnewsletter für Friedrichshain-Kreuzberg. Jeden Donnerstag kostenlos erhalten: leute.tagesspiegel.de

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