Nachbarschaft
Veröffentlicht am 23.07.2020 von David Joram
Murat Doğan, 43, trainiert die Fußballerinnen von Türkiyemspor Berlin. Der Kreuzberger Klub wurde souverän Meister in der Berlin-Liga und misst sich als künftiger Drittligist unter anderem mit dem 1. FC Union. Ein Gespräch über Womanpower, Bundesliga-Pläne und DFB-Präsident Fritz Keller.
Herr Doğan, wie fühlt sich eine Corona-Meisterschaft an? Es hat sich ja ein bisschen gezogen, weil die Berliner Vereine erst Ende Mai auf dem Verbandstag entschieden haben, wie die Saison beendet werden soll. Die Freude ist bis jetzt noch nicht so richtig angekommen; wir werden wahrscheinlich erst mit Start der Regionalliga begreifen, was für ein tolles Jahr das war.
Eine kleine Meisterparty wird es davor noch geben, oder? Wir werden im Südblock am Kotti definitiv was veranstalten, die Bar unterstützt uns schon lange. Aber einen Termin gibt’s noch nicht.
Türkiyemspors Bilanz ist beeindruckend: 18 Siege und ein Remis aus 19 Spielen, Torverhältnis 114:8! Wussten Sie schon vor der Saison, wie gut Ihr Team ist? Wir haben geahnt, dass es so kommean könnte. Immerhin hatten wir den Aufstieg im Jahr davor nur knapp verpasst, das Ziel war deshalb klar: Aufstieg! Und der Erfolg ist ja kein Zufall, weil wir kontinuierlich arbeiten, sehr nachhaltig, und mit 250 Fußballerinnen eine große Nachwuchsabteilung haben. Eigentlich war schon seit Gründung der Abteilung im Jahr 2004 klar, dass wir immer weiter nach oben wollen.
Die Regionalliga ist Deutschlands dritthöchste Klasse – geht für Türkiyemspor noch mehr? Liga drei soll definitiv noch nicht Endstation sein. Wir haben über Jahre Strukturen aufgebaut, Womanpower entwickelt und wollen nun die nächsten Schritte gehen, gerade im Sponsoring. Auf lange Sicht ist die Bundesliga das Ziel. Dass wir seit zwei Jahren einen starken Partner wie Nike an unserer Seite haben, zeigt, dass die Richtung stimmt.
Ganz schön ambitioniert. Wie gesagt: Auf lange Sicht. Bei uns hat es immer gedauert, um eine Liga weiter zu kommen, weil das mit Nachhaltigkeit verbunden war. Wir investieren viel in die Ausbildung unserer Trainierinnen, sprechen junge Frauen schon in der U 17 an, ob sie Verantwortung tragen und Vorbilder sein wollen. Das muss man aktiv angehen, intern fördern, Zugänge ermöglichen. Als wir die Frauenfußballabteilung gründeten, sagten wir, dass es eine Abteilung von Frauen für Frauen sein müsse. Das war damals noch nicht möglich, weil wir zu wenige Trainerinnen hatten. Jetzt haben wir fast ausschließlich weibliche Coaches für unsere Frauen- und Mädchenteams.
… mit Ausnahme von Ihnen! (lacht) Ja, aber das muss nicht so bleiben.
Ihre Meister-Spielerinnen könnten nun für andere Vereine interessant werden, vor allem die beiden Topscorer der vergangenen Saison, Aylin Yaren (26 Tore) und Erika Szuh (24). Bleiben die Aufstiegsheldinnen zusammen? Aylin, Erika oder auch Sanna „Susu“ El-Agha – eine echte Kreuzberger Fußballgröße – sind mit ihrer fußballerischen Klasse und Erfahrung wichtig für uns; sie bleiben dabei – genauso wie der Großteil des Teams. Wir haben uns dazu punktuell verstärkt und gehen davon aus, in der Regionalliga mithalten zu können; auch mit Spielerinnen aus dem eigenen Nachwuchs. Es wird auch nicht aussortiert werden, alle bekommen ihre Chance. Schade ist nur der berufsbedingte Abgang von Lena Schrum. Sie hat schon in der Bundesliga für Leverkusen und Köln gespielt und uns mit ihrer Erfahrung in der Innenverteidigung sehr geholfen.
In der Regionalliga warten unter anderem die Berliner Klubs 1. FC Union, Viktoria oder der SFC Stern als Gegner. Da kommt Freude auf, oder? Die Berliner Duelle – gerade gegen Union oder Viktoria, die den Berliner Frauenfußball seit Jahren dominieren – sind mit viel Prestige verbunden. Uns freut, dass wir uns jetzt in einer Liga mit den Besten messen können. Und ich sage: Wir müssen uns vor niemandem verstecken!
In der Berlin-Liga beeindruckte der offensive Stil Ihrer Elf. Wollen Sie Ihr Team eine Klasse höher ähnlich dominant auftreten lassen? Ich bin Straßenfußballer, ich liebe das Offensivspiel, verbunden mit vielen Freiheiten in einer guten Struktur. Unsere Spielerinnen sind technisch alle stark – das wollen wir auch in der Regionalliga zeigen, obwohl der offensive Weg sicher der riskantere ist.
Mit Bitte um ehrliche Antwort: Werden Sie in der Regionalliga auch mit finanziellen Möglichkeiten locken können? Frauenfußball ist leider total unterbezahlt, jede Kreisliga-A-Mannschaft bei den Männern steht besser da! Selbst in der Regionalliga sind so etwas wie Gehälter unüblich. Wir wollen unsere Spielerinnen aber für den Aufwand entschädigen und dabei alle gleichermaßen berücksichtigen.
Sie haben den breit aufgestellten Nachwuchs betont, sind aber auch für externe Kräfte ein attraktives Ziel. Wie schaffen Sie das ohne finanzielle Anreize? Ich glaube, unsere Diversität macht uns interessant. Der Frauenfußball ist – anders als bei den Männern – doch sehr weiß, wenn ich das mal so sagen darf.
Woran liegt das? Der Zugang scheint recht elitär, zumal nur wenige migrantisch geprägte Vereine entsprechende Angebote machen. Wir bieten mehr, aber eben auch blond und weiß. Und das ist spannend.
Türkiyemspor sei ein „Leuchtturm für Integration sowie für Frauen- und Mädchenfußball“, hat DFB-Präsident Fritz Keller den Verein gelobt. Auch der Integrationsbeauftragte des DFB, Ex-Nationalspieler Cacau, fand freundliche Worte. Wie gut tut das? Schön, so etwas vom DFB-Präsidenten zu hören. Nur müssen wir uns nicht irgendwo hineinintegrieren, wir sind Teil der Gesellschaft. Wir sind offen, wir sind Leuchtturmverein, das ja. Und ich weiß, dass es Zeit braucht, bis die Mehrheitsgesellschaft versteht, dass wir in Deutschland eine Einwanderergesellschaft sind. Aber es wäre gut, wenn die Menschen verstehen würden, dass für uns Berlinerinnen und Berliner nicht die „Migras“ die Einwanderer sind, sondern die Leute aus Köln oder Stuttgart. Und ich kann Ihnen sagen: Die schließen wir natürlich nicht aus, sondern lassen sie gerne Teil haben.
Herr Doğan, vielen Dank für das Gespräch. Zum Schluss noch eine klassische Frage: Wo landet Türkiyemspor am Ende seiner ersten Regionalliga-Saison? Ich könnte jetzt klassisch antworten und den Klassenerhalt als Ziel ausgeben. Das wäre typisch für einen Aufsteiger.
Aber? Ich möchte im oberen Drittel mitmischen. Das traue ich meiner Elf zu!
Text und Foto: David Joram
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