Nachbarschaft

Veröffentlicht am 06.08.2020 von Corinna von Bodisco

Olenka Bordo Benavides ist Pädagogin, Sozialwissenschaftlerin und seit Januar 2020 in der Anlauf- und Fachstelle für Diskriminierungsschutz an Schulen und Kitas in Friedrichshain-Kreuzberg tätig. Zu den Themen rassismuskritische Bildung und Stärkung rassismuserfahrener Akteurinnen und Akteure im Bildungsbereich arbeitet sie seit Jahren in verschiedenen Organisationen.

Ein 15-jähriger Schüler berichtete mir kürzlich davon, er verbringe seine Freizeit nicht in seiner direkten Nachbarschaft, sondern fährt erst fünf Busstationen, weil er und seine Freunde dort nicht beleidigt werden. Was denken Sie, sind solche Diskriminierungserfahrungen Alltag in Berlin? Ja, leider sind Diskriminierungserfahrungen in Berlin alltäglich präsent für viele Kinder und Jugendliche. Wie das Beispiel des Schülers zeigt, entwickeln junge Menschen, die Rassismus und/ oder Diskriminierung erleben, eine Vielfalt an Strategien, um damit umzugehen. In Kita und Schule hört das alles leider nicht auf, auch nicht in der Ausbildung bzw. im Studium.

Was kann Diskriminierung auslösen? Bei Diskriminierung und Rassismus geht es nicht um die Intention, sprich: Was habe ich gemeint oder nicht gemeint, sondern um die Wirkung. Und die Wirkung ist verheerend für Identitätsbildungsprozesse, für das Leben und den Lebenslauf und nicht zuletzt für Bildungschancen von rassismus- und diskriminierungserfahrenen (jungen) Menschen. Daher ist es wichtig, dass Bildungseinrichtungen in ihrem Bestreben, rassismus- und diskriminierungskritisch zu arbeiten, fachlich und vor allem kritisch informiert beraten werden.

Wann melden sich die Schulen und Kitas bei Ihnen? Sie wenden sich an mich mit unterschiedlichen Fragen und Anliegen. Das reicht von einer Beratung zu speziellen Projektthemen über Fortbildungsanfragen bis hin zu konkreten Diskriminierungsvorfällen. Sehr oft wird im Laufe des Gesprächs oder der Begleitung festgestellt, dass in der betreffenden Bildungsinstitution ein diskriminierungsbegünstigendes Ambiente besteht – und das bedarf dann einer intensiveren Prozessbegleitung.

Was braucht es dafür? Es braucht pädagogische Fachkräfte und Lehrer*innen, die in diskriminierenden Situationen machtkritisch intervenieren können. Es braucht ein Verständnis darüber, dass diskriminierungs- und rassismuskritische Bildung ein Grundrecht darstellt. Ein solches Grundrecht sollte das Verständnis von professionellem Handeln im Bildungsbereich prägen und selbstverständlicher Bestandteil eines gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstseins sein.

Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus? Ich nehme oft an Netzwerkstreffen im Bezirk teil, an denen auch verschiedene engagierte Personen wie z.B. Schul- und Kitaleitungen, Fachkräfte und Elternvertreter*innen teilnehmen. Außerdem biete ich diskriminierungs- und rassismuskritische Fachberatungen an – für Schulen und Kitas, aber auch für außerschulische Lernorte. Junge Menschen, Elternvertreter*innen, Elternpersonen/Erziehungsberechtigte, Fachkräfte von Kita, Schule und Familieneinrichtungen – also Beratungssuchende – wenden sich aber auch telefonisch oder per Mail an mich, und je nach Bedarf vereinbaren wir dann ein oder mehrere Termine. Gegebenenfalls erfolgt nach einem Entlastungsgespräch, in dem wir weitere Schritte besprechen, eine Verweisberatung.

Was bedeutet das? Das heißt, je nach Anliegen oder bei sehr komplexen Vorfällen empfehle ich, eine der Beratungsstellen aufzusuchen, mit denen unsererseits eine Kooperation besteht.

Mit welchen Problemen werden Sie konfrontiert? Ein Argument, das ich oft höre, ist, dass das Kollegium oder das Team keine Zeit habe, sich mit ‚so etwas‘ zu beschäftigen – selbst bei massiven Diskriminierungsvorfällen. Ebenso kommt es leider vor, dass Fachkräfte die Situation nicht besprechbar machen. Nehmen wir das Beispiel einer rassistischen Äußerung, die von einer Person an eine andere Person gerichtet wird. Häufig wird dann mit Abwiegelung oder Verharmlosung reagiert, indem etwa gesagt wird, eine rassistische Äußerung sei Ansichtssache. Da braucht es viel Zeit für Prozesse, denn Meinungsfreiheit ist kein Freifahrtschein für rassistische und diskriminierende Handlungen. Ähnlich verhält es sich mit vermeintlich subtilen Formen von Diskriminierung und Rassismus, in denen Verallgemeinerungen, die auf stereotypen Darstellungen von Menschen und Menschengruppen basieren, reproduziert werden, etwa in didaktischen Materialien oder gar in ‚Witzen’.

Mit didaktischen Materialien meinen Sie Schulbücher? Ja, dazu gehören auch Schulbücher und Bilderbücher, in denen rassistisches und/oder diskriminierendes Wissen reproduziert wird. Leider ist eine Auseinandersetzung darüber mit Fachkräften hier oftmals schwierig, weil es an einer Expertise über rassismus- und diskriminierungskritische Bildungsinhalte fehlt. Was verständlich ist, da dieses Wissen in der Ausbildung kaum vermittelt wird. Auch das ist natürlich ein Problem. In solchen Situationen geht es tatsächlich darum, gemeinsam nach alternativen Lernmaterialien zu suchen oder die Situation genauer zu betrachten, das heißt Selbstreflexion und einen professionellen Perspektivwechsel anzustoßen. Aber auch hier ist und bleibt es wichtig zu benennen: Bei Diskriminierung und Rassismus geht es nicht um die Absicht, sondern um die Wirkung.

Wie kann man sich bei Ihnen melden? Terminvereinbarungen gibt es unter der +49 170 682 999 4 oder über meine Mail-Adresse: olenka.bordo-benavides@raa-berlin.de. Weiter Infos sind auch unter die-werkstatt-gemeinsam-denken.de zu finden.

Foto: Leoní Weber 

+++ Dieser Beitrag stammt aus dem Friedrichshain-Kreuzberg-Newsletter. Jeden Donnerstag kostenlos erhalten: leute.tagesspiegel.de

+++ Die Themen der Woche:

  • Diskriminierungsschutz an Schulen und Kitas in Friedrichshain-Kreuzberg – Olenka Bordo Benavides im Interview
  • Neue „Grillwiese 1.0“ im Volkspark Friedrichshain
  • Senat entzieht dem Bezirk die Zuständigkeit für das Projekt Karstadt Hermannplatz
  • SPD und FDP begrüßen die Entscheidung, Initiative Hermannplatz bezeichnet sie als „undemokratisch“
  • Frischluftbibliothek mit Tischen und (Liege-)Stühlen vor der Amerika-Gedenkbibliothek
  • Gieß- und Köttelkunde für die Liegewiese im Prinzenbad
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  • Kein Erlass der zu hoch gezahlten Bußgelder in Berlin
  • Fledermaus Kinderfest
  • Drei Chöre, 15 Requiemkrimis
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