Nachbarschaft
Veröffentlicht am 03.09.2020 von Nele Jensch
Felix Just, 39, ist Software-Entwickler und hat im April 2016 den „xHain hack+makespace“ in Friedrichshain gegründet. In der Corona-Krise stellte er xHain Schutzmaterial für Kliniken und Arztpraxen her.
Was ist eigentlich ein Hack- und makespace? Man könnte den xHain auch als offene Werkstatt bezeichnen; mit einem Schwerpunkt auf modernere Techniken und Werkzeuge – 3D-Druck, Lasercutting, Programmieren, Elektronikbasteleien und generell Coden, Basteln, Hacken. Der xHain stellt einen Raum zur Verfügung, in dem sich Bastler*innen, Technikinteressierte, Zukunftsorientierte und (Gesellschafts-)hacker*innen treffen, um gemeinsam an Projekten zu arbeiten und zu lernen, sich gegenseitig zu unterstützen und auszutauschen.
An was für Projekten wird im xHain gearbeitet? Das ist sehr unterschiedlich: Viele unserer Member kommen, um an ihren eigenen Hobby-Projekten zu arbeiten; da wird gecoded, gelötet, 3d-gedruckt oder mit dem Lasercutter graviert. Aber es finden sich auch Menschen unterschiedlichster Fachrichtungen und Wissensstände in Projekten zusammen, vor allem für den xHain selbst, wie zum Beispiel unsere elektronische Schließanlage für die Tür, unser LED-Baum mit rund 3000 LEDs und die ganze Inneneinrichtung.
Welche Auswirkungen hatte – und hat – die Corona-Pandemie auf den xHain? Bei uns sind alle Veranstaltungen ausgefallen, sämtliche Meet-ups, Co-Learning-Gruppen, Workshops und Talks – vor Corona hatten wir montags bis donnerstags täglich Veranstaltungen. Mitte März haben wir begonnen, Stoffmasken herzustellen, um diese an medizinische Einrichtungen zu verteilen. Wenig später haben wir auch Faceshields produziert.
Wie kam es dazu? Unsere Initiative ging auf ein Gespräch mit zwei Pfleger*innen eines Krankenhauses zurück, die über nicht vorhandene Schutzausrüstung am Arbeitsplatz klagten. Überall fehlte es binnen kürzester Zeit an wichtigem Sicherheits-Equipment. Wir haben überlegt, wie wir mit unseren Mitteln helfen können und wer uns dabei unterstützen kann. Und wir haben, wie es sich für einen Makespace gehört, einfach angefangen.
Wir begannen mit dem Drucken von Gesichtsvisieren und haben mit Cadus e.V. und der Beuth-Hochschule weitere Partner*innen gewinnen können. Innerhalb kürzester Zeit entstand eine Kooperationen aus neun Makerspaces aus Berlin und Brandenburg, auch die Technische Hochschule Brandenburg war dabei. Privatmenschen, Vereine, Universitäten und Unternehmen spendeten Geld und Material, liehen uns ihre 3D-Drucker, schenkten uns Nähmaschinen oder produzierten selbst Masken und Gesichtsvisiere. Näher*innen unterstützten uns in Heimarbeit bei der Herstellung von Stoffmasken. Insgesamt haben wir rund 1500 Stoffmasken verteilt, bei den Gesichtsvisieren sind wir dank einer Spende von 24.000 spritzgegossenen Halterungen bei knapp 30.000 Stück.
Und wohin gingen die Masken und Schilde? An medizinische Einrichtungen, an Krankenhäuser und Rettungsdienste. Aber auch nicht primär medizinische Einrichtungen, deren Mitarbeiter*innen dennoch einen Großteil ihrer Arbeit mit pflegerischen und/oder medizinischen Handlungen verbringen, wurden von uns kostenfrei versorgt. Weiterhin unterstützten wir Frauenhäuser und Angebote für wohnungslose und flüchtende/geflüchtete Menschen. Anfang Juni lief die Aktion dann langsam aus, da wir alle Spenden für Materialien ausgegeben hatten, die ehrenamtlich Helfenden auch mal eine Pause brauchten und es mittlerweile an jeder Ecke Masken zu kaufen gibt. Jetzt, nach Ende der Aktion, bin ich immer noch überwältigt, dass wir so schnell so viel helfen konnten. Denn das ist es, was dies ermöglicht hat: Der Wille zu helfen. Jede genähte Stoffmaske, jedes 3D-gedruckte Gesichtsvisier hat jemandem geholfen, Ansteckungsrisiken zu verringern.
Diese Aktion entspricht nicht Ihrem üblichen Tätigkeitsfeld, oder? Ja, wir sind kein kommerzieller Anbieter von medizinscher Schutzausrüstung, sondern eine zivilgesellschaftliche Initiative, die rein ehrenamtlich arbeitet und ohne irgendeine Förderung von staatlicher Seite läuft. Wir sind in die Bresche gesprungen, als es nötig war und haben schnell und unkompliziert mit Behelfsprodukten geholfen. Während gewinnorientierte Unternehmen mit großzügigsten Sonderprogrammen geholfen wurde, will die Politik mit den zivilgesellschaftlichen Akteuren nicht einmal sprechen.
Mit welchen Problemen waren Sie konfrontiert? Über Wochen wurden unsere Versuche, mit der Berliner Senatsverwaltung in Kontakt zu treten, blockiert oder ignoriert. Bezirksstadträte antworteten nicht auf Emails. Die Bezirksverwaltung lehnte eine Förderung von Gesichtsvisier-Produktion ab, da sie absolut gegen deren Verteilung in medizinischen Einrichtungen ist. Die Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung startet ein eigenes Maskenportal im Internet, ohne mit irgendeiner der engagierten Gruppen und Initiativen zu sprechen.
Was müsste sich ändern? Ich wünschte, die Politik würde erkennen, welches Potential in der Maker-Community steckt. Denn es zeigt sich gerade sehr deutlich, dass wir nicht nur Hobby-Bastler*innen sind, sondern Expert*innen im Netzwerken und im schnellen Prototyping. Dass wir Lösungsorientierung mit Ehrenamt und Gemeinwohl verbinden können.
Wie kann man sich bei Ihnen melden und mitmachen? Am einfachsten ist es, am Montag ab 17 Uhr mal bei uns in der Grünberger Straße 16 vorbeizukommen. Da ist unser offener Abend, den wir mittlerweile wieder veranstalten, allerdings meist draußen vor der Tür – indoors ist bei uns Maskenpflicht.
Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-n.jensch@tagesspiegel.de
Dieser Beitrag stammt aus dem Tagesspiegel-Newsletter für Friedrichshain-Kreuzberg. Die Newsletter für alle 12 Berliner Bezirke gibt es kostenlos und in voller Länge hier: leute.tagesspiegel.de
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