Nachbarschaft

Veröffentlicht am 15.10.2020 von Masha Slawinski

Dolph Starke ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Vor zehn Jahren ist er nach Friedrichshain gezogen. Im März hat er seine Ausbildung zum Pfleger abgeschlossen. Seitdem arbeitet er in einer psychiatrischen Klinik. Ich habe mit ihm über seine Beziehung zum Bezirk und seine Arbeit als Pfleger in Corona-Zeiten gesprochen.

Was gefällt Dir an Friedrichshain? Ich mag das Kunterbunte. Wenn man rausgeht, hat man das Gefühl, dass alle sehr sozial zueinander sind. Dadurch konnte ich, als ich hergezogen bin, schnell Kontakte knüpfen. Viele meiner heutigen Freunde habe ich in Friedrichshainer Clubs und Bars kennengelernt. Neben der Partyszene gibt es aber auch das Familiäre: Ich mochte es immer früh morgens vom Feiern zu kommen und auf einmal die ganzen Familien mit Kindern zu sehen, die gerade erst aufgestanden sind. Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass hier alle, obwohl sie so unterschiedlich sind, zusammenleben. Ich war viel in europäischen Großstädten unterwegs und habe immer wieder gemerkt, dass Berlin und speziell Friedrichshain genau das ist, was ich suche. Ich hätte absolut keinen Grund von hier wegzuziehen.

Warum hast Du entschieden Pfleger zu werden? Nach meinem Abitur, das ich in Hohenschönhausen gemacht habe, habe ich meinen Zivildienst im Helios Krankenhaus abgeleistet. Danach habe ich angefangen an der Technischen Universität Bauingenieurwesen zu studieren, weil ich das Gefühl hatte, dass es eben die allgemeine Erwartung ist, dass man nach der Schule anfängt zu studieren. Um näher an der Uni zu sein, bin ich dann mit einem Freund, mit dem ich in der siebten Klasse zusammensaß, zusammen nach Friedrichshain gezogen. Neben dem Studium habe ich in einem Dialysezentrum gearbeitet. Dabei habe ich gemerkt, dass ich viel lieber zur Arbeit gegangen bin, als zum Studium. Deswegen habe ich mich entschieden die Ausbildung als Krankenpfleger anzufangen. Jetzt habe ich das Gefühl direkt positiv Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen.

Du arbeitest mittlerweile seit vier Jahren in der Pflege. Wie hat sich die Pandemie auf deinen Berufsalltag ausgewirkt? Ich habe meine Ausbildung im März beendet, genau als es mit der Corona-Pandemie in Deutschland richtig los ging. Seitdem bin ich in der Allgemeinpsychiatrie festangestellt. Ich arbeite in einem relativ kleinen Krankenhaus. Als Erstes ist mir aufgefallen, dass wir auf einmal viel weniger Patienten und dadurch weniger zu tun hatten. Um sich auf die Corona-Welle vorzubereiten, wurden viele Patient*innen entlassen. Gleichzeitig haben wir die Kriterien für eine Aufnahme höher gesetzt, um mehr Betten für Corona-Patient*innen freizuhalten. In Berlin ist es so geregelt, dass die ersten Corona-Fälle zu der Charité gehen, dann werden sie auf die nächst größeren Krankenhäuser aufgeteilt. Da ich in einem relativ kleinen Krankenhaus arbeite, hatte ich sehr wenig zutun. 

Wie hat sich dein Krankenhausalltag mit dem Rückgang der Fallzahlen verändert? Dadurch, dass die erste Welle nicht so stark war wie befürchtet, sind wir in unserem Krankenhausalltag langsam wieder zur Normalität zurückgekehrt. Das hieß, dass wir im Sommer wieder unsere Kapazitäten erhöht haben und zur normalen Überbelastung übergegangen sind. Dadurch kamen mehr Menschen als üblicherweise, weil diejenigen, die wir zuvor abgelehnt hatten, jetzt alle auf einmal kamen. Das wurde von der Öffentlichkeit allerdings überhaupt nicht wahrgenommen.

Stichwort Öffentlichkeit: Hast du das Gefühl, dass sich der öffentliche Blick auf die Pflege durch die Pandemie nachhaltig verändert hat? Ich muss sagen, ich fand die öffentlichen Reaktionen sehr paradox: Zu Beginn der Pandemie hatten alle ihre Augen auf die Pflege gerichtet. Auf einmal wurde für uns geklatscht, wir durften kostenlos mit dem BerlKönig zur Arbeit fahren und haben Goodies bekommen. Aber eigentlich saßen wir auf der Station und hatten nichts zu tun. Das stand im krassen Gegensatz dazu, wie es davor war: Wir haben am Limit gearbeitet und keiner hat sich dafür interessiert. Und natürlich kann man von Glück sprechen, dass wir nicht so viel zu tun hatten, in der Charité war das zweifellos anders. Als wir dann aber wieder mehr zu tun hatten, hat sich die Öffentlichkeit weggedreht und Goodies gab’s auch keine mehr. 

Wie sieht jetzt im Moment dein Arbeitsalltag aus? Das Krankenhaus, in dem ich arbeite hat in den letzten Wochen einige Corona-Fälle gehabt. Aber dieses Mal sind die Krankenhäuser besser vorbereitet, es gibt ausgearbeitete Konzepte und die Kapazitäten für Tests wurden erhöht. Zusätzlich achten wir auf den Mindestabstand und das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes, wobei das in der Allgemeinpsychiatrie schwierig umzusetzen ist, da manche Patient*innen krankheitsbedingt gar nicht in dem Mindset sind, in dem sie einen Mund-Nasen-Schutz als oberste Priorität sehen. Wir achten außerdem bei allen Mitarbeitenden, Besucher*innen und Patient*innen auf Symptome und sobald es einen Verdacht gibt testen wir.

Was tust Du, um gesund zu bleiben? Ich glaube, dass es sehr wichtig ist nicht alleine zu bleiben. Sich mit Freunden über verschiedene Medien auszutauschen ist für mich einer der wichtigsten Faktoren. Um die Pandemie gut durchzustehen muss man seine sozialen Kontakte pflegen, jemanden haben, mit dem man über seine Probleme reden kann, der einen irgendwie versteht.

Foto: Dolph Starke

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-n.jensch@tagesspiegel.de

Dieser Beitrag stammt aus dem Tagesspiegel-Newsletter für Friedrichshain-Kreuzberg. Die Newsletter für alle 12 Berliner Bezirke gibt es kostenlos und in voller Länge hier: leute.tagesspiegel.de

Hier die Themen aus dem aktuellen Friedrichshain-Kreuzberg-Newsletter:

  • Das Hausprojekt „Liebig 34“ wurde geräumt
  • Berliner Unterwelten e.V. droht die Insolvenz
  • Mit dem Toben im Görlitzer Park ist es für die Kitakinder des staatlichen Trägers Kindergärten City vorerst vorbei
  • Bezirksamt nimmt Stellung zum Urteil des Oberverwaltungsgerichts zu Pop-up-Radwegen Interview mit einem Friedrichshainer Pfleger: „Als wir dann wieder mehr zu tun hatten, hat sich die Öffentlichkeit weggedreht und Goodies gab’s auch keine mehr“
  • Mann nach Wohnungsbrand verstorben
  • Drohbrief gegen Grünen Baustadtrat Florian Schmidt
  • Offene Ranger-Sprechstunde am Wriezener Bahnhof
  • Führung über die Friedhöfe vor dem Halleschen Tor
  • Einweihung von drei Informationsstellen zu historischen Orten