Nachbarschaft

Veröffentlicht am 04.03.2021 von Nele Jensch

Andrea Brandt leitet seit 2004 die Freiwilligenagentur Friedrichshain-Kreuzberg „Willma“ und erzählt, was die Ehrenamtlichen motiviert – und wie sie durch die Corona-Krise steuern.

Wie viele Menschen engagieren sich ungefähr in Friedrichshain-Kreuzberg – und was motiviert sie? Rund 1,4 Mio. der Berliner*innen engagieren sich, also etwa jede*r Dritte. Zahlen auf Bezirksebene dazu gibt es meines Wissens nicht, weil die Erhebung sehr aufwendig ist. Ich gehe aber davon aus, dass sich im Bezirk sehr viele Menschen engagieren, weil wir viele kleine Initiativen hier haben, die sich für andere und für ihr Umfeld engagieren. Das zeigen auch die im Bezirk sehr aktiven Nachbarschaftsportale.

Wer kommt alles zu Ihnen, weil er oder sie sich engagiere möchte? Von den Menschen, die zu uns in die FreiwilligenAgentur kommen, sind viele jünger bis zum mittleren Alter, gebildet und aktiv. Sie möchten sich einen Überblick verschaffen, was sie alles machen können, wo es welchen Unterstützungsbedarf gibt und was zu ihnen passt. Auch Menschen mit Ideen für eigene Initiativen suchen bei uns Beratung. Ihre Motive sind vielfältig: Die meisten möchten ihre Zeit sinnvoll gestalten, etwas bewirken, indem sie sich für andere einsetzen und gesellschaftlich einbringen, andere Lebenswelten kennenlernen, etwas Neues lernen, Kontakte aufbauen, Gemeinschaft erleben – oft ist es ein Mix verschiedener Aspekte.

Sie vermitteln Freiwillige an Organisationen und Vereine, das Spektrum reicht dabei von Nachbarschaftshilfe über Hilfe für Geflüchtete bis zur Unterstützung der Kampagne „Deutsche Wohnen und Co enteignen“. Gibt es einen bestimmten Bereich, in dem Freiwillige besonders gebraucht werden – oder für den sich besonders viele Menschen interessieren? Vor Corona hat sich das Interesse auf viele verschiedene Engagementfelder verteilt, wobei ein Schwerpunkt auf Einzelbegleitung von unterstützungsbedürftigen Menschen aller Altersstufen lag, wie z.B. Patenschafts- und Mentoringprojekte für Kinder und Jugendliche und für geflüchtete Menschen oder auch Besuchsdienste für Ältere. Diese haben den Vorteil, dass sie individuell sehr flexibel gestaltbar sind. Aber auch in vielen Einrichtungen, in denen sich verschiedene Gruppen begegnen, ist Engagement beliebt, weil es den eigenen Horizont erweitert und neue Kontakte ermöglicht oder sich aktuellen Themen wie dem Klimaschutz, der Verkehrswende oder Wohnumfeldverbesserungen zuwendet.

Inwiefern beeinflusst – und erschwert – die Corona-Krise die Freiwilligenarbeit? Sie hat die Arbeit schon sehr verändert. Mit den Corona-bedingten Kontaktbeschränkungen konnten Gruppenangebote und -begegnungen gar nicht mehr oder nur noch in sehr kleinem Rahmen stattfinden. Viele unserer Engagement-Einrichtungen mussten ihre Handlungsfelder und ihre Öffnungszeiten reduzieren.

Wie gehen Sie damit um? Seit März 2020 haben wir als Koordinierungsstelle für Corona-Nachbarschaftshilfe unseren Fokus auf die Vermittlung zwischen Freiwilligen und Hilfebedürftigen in den Kiezen gelegt. Wir hatten plötzlich viel mehr Engagement-Angebote von Menschen, die durch Kurzarbeit oder Homeoffice zeitlich flexibel waren und solidarisch helfen wollten, als Menschen, die Unterstützung suchten. Ihnen dann Einsatzfelder anzubieten, war eine Herausforderung, weil ja unsere Kooperationsprojekte so vieles ruhen lassen mussten. Das hat sich mit der Zeit etwas ausgeglichen, wir haben Menschen in die Nachbarschafts-, Obdachlosenhilfe und Patenschaftsprogramme, an digitale oder analoge Nachhilfeangebote für Schüler*innen vermitteln können oder während der Sommertrockenheit aufs Bäumegießen hingewiesen, aber vieles bleibt ja bis jetzt nur eingeschränkt möglich. Dennoch war und ist es für uns sehr schön zu erleben, wie viele Menschen sich melden und für andere aktiv werden möchten – über ein Drittel mehr als im Vorjahr, darunter etliche, die sich erstmals engagieren.

Kürzlich wurde das Eritreische Frauencafé in Kreuzberg mit dem Hatun-Sürücü-Preis ausgezeichnet. Die Freiwilligenagentur hat das Café 2018 gegründet – können Sie etwas über die Entstehungsgeschichte erzählen? Seit 2016 vermittelt die Freiwilligen Agentur Patenschaften mit engagierten Freiwilligen für geflüchtete Menschen, darunter auch Eritrerinnen, die meisten mit Kindern, die sehr isoliert in Berliner Unterkünften leben. Ihre Probleme sind vielfältig: Die Trennung aus Gewaltbeziehungen, traumatische Erfahrungen rund um weibliche Genitalbeschneidung und Sexualität, Alltagsrassismus, die Alltagsbewältigung als alleinerziehende Mütter, der Kampf um Familiennachzug, die mühsame Suche nach einer Wohnung oder Kitaplätzen für die Kinder und einem individuell passenden Bildungsweg.

Und aus diesen Begegnungen ist die Idee für das Café entstanden? Ja, deshalb initiierte eine engagierte Willma-Mitarbeiterin im Oktober 2018 das eritreische Frauencafé als Austausch- und geschützten Begegnungsraum, das sie seither mit einer Kollegin organisiert und begleitet. Sie erkannten, wie groß der Bedarf an Unterstützung ist, denn bisher gibt es in Berlin nur wenige Angebote für diese Community. Jeden Mittwoch haben die Frauen seitdem die Gelegenheit, sich zu treffen und auszutauschen, Deutsch zu lernen, über die Themen und Anliegen zu sprechen, die sie bewegen und über die sie mehr erfahren möchten. Im geschützten Rahmen des Frauencafés ist eine vertrauensvolle Atmosphäre gewachsen, die den Frauen Rückhalt gibt, sie zu gegenseitiger Hilfe anregt und ermutigt, ihre Bedürfnisse zu formulieren.  Schrittweise erwerben die Frauen mehr Selbstbewusstsein und eine größere Handlungsfähigkeit auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Das Frauencafé ermöglicht den Eritreerinnen in einzigartiger Weise, Gemeinschaft, Zugang zu Sprache und gesellschaftlicher Teilhabe zu finden, die ihnen ohne dieses Angebot verschlossen waren. 

Welche anderen laufenden Projekte betreut Willma derzeit? Wir unterstützen beständig Initiativen und Aktivitäten mit Freiwilligen in unserem Umfeld. Dazu gehören die Gemeinwesen-Projekte unseres Trägers, dem Nachbarschaftshaus Urbanstraße e.V. ebenso wie Kiez- und Nachbarschaftsprojekte – z.B. den Nachbarschaftsgarten Kreuzberg, das Aktionsbündnis solidarisches Kreuzberg, in dem verschiedene Initiativen die Versorgung obdachloser Menschen mit warmen Mahlzeiten und Getränken organisieren, weil diese durch Corona weniger Anlaufstellen und Aufenthaltsmöglichkeiten haben. Es kommen auch immer noch etliche Geflüchtete zu uns, die wir an unsere Projekte wie das Wohnscouting oder die Sozialberatung weiterleiten, damit sie Unterstützung bei der Wohnungssuche und Behördenangelegenheiten finden. Aufgrund einer befristeten Förderung sind mehrere Projekte in den letzen Jahren abgeschlossen worden, und wir müssen uns wieder um neue Fördermöglichkeiten bemühen. Vieles, was dringend gebraucht wird, wird leider nicht dauerhaft finanziert, obwohl es eine lohnende Investition in die Zukunft wäre, weil unsere Projekte den Menschen, denen sie zugutekommen, zu mehr Eigeninitiative und gesellschaftlicher Teilhabe verhelfen. 

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: nele.jensch@extern.tagesspiegel.de