Nachbarschaft

Veröffentlicht am 25.03.2021 von Corinna von Bodisco

Der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe – Frauen gegen Gewalt (bff) mit Sitz in Friedrichshain hat bundesweit über 200 Mitgliederorganisationen, die zum Thema geschlechtsspezifische Gewalt beraten. Ein Gespräch mit bff-Referentin Jenny-Kerstin Bauer über digitale Gewalt – eine Form der Gewalt, über die noch immer zu wenig gesprochen wird.

Es war nicht so einfach, einen Interviewtermin zu bekommen. Ist gerade viel los bei den Frauenberatungsstellen und hat sich in der Coronakrise diesbezüglich etwas verändert? „Viele unserer Beratungsstellen hatten besonders schwere Zeiten durch die Kontaktbeschränkungen, denn die Betroffenen konnten nicht mehr persönlich beraten werden. Neben der telefonischen Beratung mussten wir vielfach auf Video- und Online-Beratung umstellen. Das war eine sehr herausfordernde Situation für die Beraterinnen und auch für die Rat suchenden Betroffenen. Mit dem Vertrauensaufbau und der Technik ist es dann schwieriger. Aber nichtsdestotrotz sind die Beratungsstellen immer noch erreichbar.“

Während der Pandemie hat die Nutzung digitaler Technologien zugenommen, deswegen würde ich den Fokus gerne auf digitale Gewalt legen. Was ist das eigentlich? „Digitale Gewalt ist nur eine Form von Gewalt gegen Frauen. Es gibt die körperliche, die sexualisierte, die psychische und eben die digitale Gewalt. Diese Art der Gewalt vereint ganz verschiedene Formen von geschlechtsspezifischer Gewalt. Die gewaltausübende Person – das ist meist der Freund, der Ex-Mann oder der Arbeitskollege – versucht über digitale Geräte und das Internet Kontrolle und Macht über die Frau auszuüben. Das kann über das Kontrollieren von Online-Plattformen und Social Media geschehen, aber auch mit Spionage-Software. Auch peinliches Filmen fällt darunter. Es kann sein, dass Betroffene ohne ihr Wissen bei sexuellen Handlungen gefilmt werden und diese Bilder dann im Internet hochgeladen werden.“

Kommt es vor, dass die Bilder als Erpressungsmittel genutzt werden? „Ja, es kann durchaus vorkommen, dass Betroffene mit diesem Bildmaterial unter Druck gesetzt werden und eine Beziehung mit der gewaltausübenden Person erzwungen wird. Dann heißt es etwa: Du kommst zu mir zurück, sonst schicke ich diese Bilder an deinen Arbeitgeber. Aber digitale Gewalt ist unglaublich facettenreich. Manche kontrollieren Cloud-Dienste, manche hacken private Informationen der Betroffenen. Zu Kreditkartenbetrug oder Identitätsdiebstahl kommt es auch oft.“

Es klingt so, als hatten die Betroffenen häufig schon im direkten Umfeld mit den Tätern zu tun? „In den meisten bff-Beratungsfällen von digitaler Gewalt sind die Täter den Betroffenen bekannt. Bei Hatespeech, also wenn Frauen aufgrund ihrer Meinungsäußerung im Internet angegriffen, beleidigt und bedroht werden, ist das anders, weil viele anonym oder unter anderem Namen unterwegs sind. Dort, wo es sich um Beziehungsgewalt handelt, da kennen sich die meisten aus unterschiedlichen Kontexten: der Schule, dem Freundeskreis, der Arbeit.“

Kann man digitale Gewalt so klar von anderen Formen der Gewalt trennen? „Wir wissen aus einer europäischen Studie, dass 70 Prozent aller Frauen, die schon eine Form von digitaler Gewalt in ihrer Beziehung erlebt haben, auch schon sexualisierte oder körperliche Gewalt erfahren haben. Da gibt es eine gewisse Überschneidung. Ich denke aber, in ein paar Jahren werden wir keine Unterscheidung mehr zwischen digitaler oder analoger Gewalt machen, weil alle Lebensbereiche immer mehr digitalisiert werden.“

Ist digitale Gewalt eine Form, die immer mehr zunimmt? „Zumindest gibt es zu digitaler Gewalt in Partnerschaften immer mehr Anfragen in den Fachberatungsstellen. Doch es gibt keine repräsentativen Zahlen für Deutschland. Die letzte große Studie zu geschlechtsspezifischer Gewalt in Deutschland ist aus dem Jahr 2004. Damals wurde   abgefragt, wie oft Betroffene per E-Mail bedroht wurden. Aber es wurden keine anderen Formen von digitaler Gewalt benannt.“

Gibt es Unterschiede, was erklärtermaßen als digitale Gewalt empfunden wird und wie es die Polizei versteht? „Wir erleben in den Beratungsstellen, dass die Strafverfolgung bei digitaler Gewalt noch in den Kinderschuhen steckt. Die meisten Gesetze wurden formuliert, als es noch kein Internet gab. Deswegen ist es oftmals schwierig, die unterschiedlichen Formen rechtlich einzuordnen. Viele Betroffenen haben schnell das Gefühl, dass das Internet ein rechtsfreier Raum ist – das ist es aber nicht. Man kann Formen der digitalen Gewalt zur Anzeige bringen, aber die Strafverfolgung ist noch sehr eingeschränkt.“

Warum ist das so? „Das ist einerseits darauf zurückzuführen, dass es wenig spezifische Kenntnisse zu digitaler Gewalt gibt. Andererseits haben die Strafverfolgungsbehörden mangelnde Kapazitäten. Ein Gerät auszulesen und auf Spionage-Software überprüfen – das muss erst mal gemacht werden. Viele Betroffenen haben berichtet, dass sie bei der Polizei auf große Ratlosigkeit im Umgang mit digitaler Gewalt stoßen.“

Wie könnte das Internet sicherer werden? „Wir brauchen ein Bewusstsein dafür, dass digitale Gewalt eine reale Gewalt ist. Dafür müssten die Täter und die Plattformbetreiber*innen zur Verantwortung gezogen werden. Spionage-Software zu verkaufen, die verdeckt agiert, macht unseres Erachtens keinen Sinn.“

Wo können Betroffene von digitaler Gewalt Hilfe finden? „Wir würden immer empfehlen, dass Betroffene nicht allein bleiben und ihre Erfahrungen mit jemandem teilen, dem sie vertrauen. Professionell gibt es die bundesweiten Fachberatungs- und Frauenberatungsstellen und die Frauennotrufe, an die sich Betroffen wenden können. Auf unserer Webseite frauen-gegen-gewalt.de können Beratungsstellen über eine Hilfsdatenbank nach Orten und Beratungsschwerpunkten gefiltert werden. Wir beraten kostenlos und nach Wunsch auch anonym. Die Beraterinnen tun nichts ohne das Einverständnis der betroffenen Person, denn ihre Selbstbestimmung steht im Vordergrund und wird respektiert.“

  • Konkrete Hinweise zum Thema digitale Gewalt: www.aktiv-gegen-digitale-gewalt.de
  • Alle Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe, die beim bff Mitglied sind und kostenlos sowie auf Wunsch auch anonym beraten: www.frauen-gegen-gewalt.de
  • Postkarten, Sticker und Broschüren zum Thema digitale Gewalt gibt es über den bff-Bestellshop.
  • Der Antrag „Digitale Gewalt gegen Frauen und Mädchen“ der Linksfraktion war am 24. März im Bundestagsausschuss Digitale Agenda Thema. Am heutigen Donnerstag, 25. März ist die Sitzung unter  www.bundestag.de/mediathek abrufbar.
  • Wenn Sie gerade einen Gedankenblitz haben, wer hier bald mal vorgestellt gehört, schreiben Sie mir. Hier meine Mail: leute-c.bodisco@tagesspiegel.de.