Nachbarschaft

Veröffentlicht am 17.06.2021 von Corinna von Bodisco

Das Gehörlosenzentrum in der Kreuzberger Friedrichstraße 12 ist seit 1993 „die einzige barrierefreie Beratungsstelle“ für etwa 6.000 gehörlose Menschen in Berlin. Kürzlich stand das Zentrum vor dem Aus. Wille Zante ist Beisitzer beim GFGB e.V. – Gesellschaft zur Förderung der Gehörlosen in Berlin – und arbeitet seit August 2019 ehrenamtlich im Vorstand und für die Öffentlichkeitsarbeit. 

Wille Zante, warum ist das Gehörlosenzentrum so ein einzigartiger Ort in Berlin? „Gehörlosenzentren sind in allen Städten einzigartige Orte, die durch die Digitalisierung etwas an Stellenwert verloren haben, aber nichtsdestotrotz zu den wichtigen Treffpunkten gehörloser Menschen zählen. Vor WhatsApp-Gruppen und Facebook haben sich hier Gehörlose getroffen, ausgetauscht, vernetzt und kennengelernt. In den Kneipen und Kulturstätten Hörender klappt es schließlich nicht so einfach mit der Kommunikation; im Gehörlosenzentrum kann man sicher sein, dass man versteht und verstanden wird. Bei viele Zentren kommt noch eine barrierefreie, weil gebärdensprachliche Beratungsstelle, hinzu.“

Wobei wird dann beraten? „Wenn man als Gehörloser ein Behördenschreiben nicht versteht, bekommt man hier Hilfe und eine erste Anlaufstelle. Das Angebot ist niedrigschwellig und weithin bekannt in der Szene. Außerdem gibt es in fast jedem Gehörlosenzentrum mehr oder weniger regelmäßig sogenannte ‚Kofos‘, das sind Kommunikationsforen. Hier hat man, bevor im Internet immer mehr Informationen in Gebärdensprache bereitgestellt wurden, Expert*innen für Vorträge eingeladen und diese verdolmetschen lassen. Oder gehörlose Menschen haben aus ihrem Leben erzählt, manchmal mit bestimmten Themenschwerpunkten.“

Im Mai stand es schlecht um das Zentrum, auf der Webseite wurde ein Spendenaufruf geschaltet. Bis Ende des Monats mussten 40.000 Euro zusammen kommen. Was war los? „Wir waren 2019 als Vorstand angetreten, um das Gehörlosenzentrum neu auszurichten. Lange Zeit gab es einen relativen Stillstand bei den Veranstaltungen, die Einrichtung ist schon lange veraltet – wir wollten hier anpacken und das Gehörlosenzentrum als Veranstaltungsort wiederbeleben. Corona hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht, wir konnten die Vermietungen nicht richtig ankurbeln. Also zuerst kurioserweise schon, weil bei uns das Einhalten der Abstandsregeln einfach war. Aber dann hatten wir unterm Strich keine großen Mehreinnahmen und dadurch auch keinen Anspruch auf Corona-Hilfen. Hinzu kamen überraschende Steigerungen bei den Hausgeldkosten und Reinigungskosten, die sich mehr als verdoppelt haben, weil ein alter Vertrag ausgelaufen ist. Unser neuer hauptamtlicher Projektleiter hatte sich sehr ins Zeug gelegt, aber letztendlich lag es nicht in unseren Händen – die Umstände waren mies. Die 40.000 sind wohlgemerkt nicht die ganze Summe – es ist nur der fehlende Betrag für unseren Eigenanteil, der Rest kommt vom Senat.“

Ist es gelungen, das nötige Geld einzutreiben? „Es war eine beispiellose Welle von Solidarität, die sich da Bahn gebrochen hat. Wir haben zwei Wochen lang gefühlt alle zwei Tage die Summe verdoppelt und am Ende gab es übers Wochenende einen Sprung von knapp 32.000 Euro auf über 80.000 Euro. Das haben wir der gut vernetzten Community und jeder einzelnen Person zu verdanken, die unseren Instagram- und Facebook-Aufruf geteilt oder selber gespendet hat. Von einstelligen Beträgen bis zu mehreren tausend Euro war alles dabei, auch Influencer*innen haben uns unterstützt. Es war richtig irre. Vor allem zeigt das aber, wie wichtig das Gehörlosenzentrum ist, und wie emotional es bei vielen Leuten besetzt ist. Und das Gehörlosenzentrum in Berlin kennt eigentlich jede*r Gehörlose*r deutschlandweit und international.“

Was passiert mit dem überschüssigen Geld? „Wir als Vorstand arbeiten gerade an einem Finanzplan. Toll wäre, wenn wir damit Renovierungen und Umbauten antreiben können, aber auch größere Projekte für eine langfristige Absicherung etwa als Veranstaltungsort. Wir haben damit auf alle Fälle Eigenmittel, die wir einsetzen können – aber darüber wird die Mitgliederversammlung noch abstimmen, denn die Mitglieder sind das höchste Organ und haben das letzte Wort.“

Die Bezirksverordnetenversammlung hat in ihrer Mai-Sitzung den Fortbestand des Gehörlosenzentrums mit einem Antrag unterstützt. Geld kam dadurch ja nicht rein, aber denken Sie, es hat trotzdem geholfen? „Das war eine schöne Willensbekundung, wir haben uns sehr darüber gefreut! Es dürfte für eine gewisse Bewusstseinsbildung gesorgt haben, und ich wünsche mir, dass durch die Aktion und vor allem die Solidarität der Community klar wird, wie wichtig das Gehörlosenzentrum ist und wie wichtig unsere Kultur ist.“ 

Was fehlt Euch in der öffentlichen Wahrnehmung? „Oft wird Gebärdensprache isoliert betrachtet: Als Hilfsmittel zur Verständigung – aber das ist nur ein winzig kleiner Teil. An der Sprache hängt – wie an jeder anderen Sprache auch – eine wunderbare reichhaltige Kultur, die einen Förderbedarf hat. Es reicht nicht, ab und zu Dolmetscher*innen zur Verfügung zu stellen, es muss aktiv ein großes Budget bereitgestellt werden, um mehr Mitarbeiter hauptamtlich einzustellen, die sich um die sozialen und kulturellen Bedürfnisse gehörloser Menschen kümmern.“

Können Sie ein Beispiel geben? „Was soll ein gehörloser Senior in einem von hörenden Mitbewohner*innen besetzten Altersheim? Das ist eine kommunikative und soziale Wüste für uns im Alter. Und es ist auch nur ein Beispiel. Wir haben so viele Baustellen in der kulturellen und sozialen Versorgung gehörloser Menschen, nicht nur in Berlin, und es ist auch eine Belastung, die Gelder regelmäßig neu beantragen und begründen zu müssen.“

Was wünscht Ihr Euch? „Wir bräuchten ganz konkret langfristig zugesicherte Gelder für den Bau einer Senioreneinrichtung für gehörlose Menschen und eine langfristige Zusicherung der Finanzierung selbiger. Hier läuft die Zeit gegen uns. Natürlich muss so eine Einrichtung gehörlose Menschen beschäftigen und auch ein gehörloses Leitungsteam bestehen. Dabei müssen wir gehörlose Fachkräfte aus der ganzen Bundesrepublik für uns begeistern können.“

 

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