Nachbarschaft

Veröffentlicht am 01.07.2021 von Nele Jensch

Das Gemälde „Vaterland“ an der East Side Gallery kombiniert Elemente der Staatflaggen Israels und Deutschlands: Zu sehen sind die schwarz-rot-goldenen Farben der Bundesrepublik mit schmalen blauen Streifen und einem blauen Davidstern. Entstanden ist das Kunstwerk kurz nach dem Mauerfall –  und wird seither immer wieder Opfer antisemitischer Schmierereien. Samuel Salzborn, Ansprechpartner des Landes Berlin gegen Antisemitismus, kann nun einen kleinen Sieg verbuchen.

Können Sie zählen, wie oft „Vaterland“ bereits beschädigt wurde? „Es gab ja in der Vergangenheit zahlreiche Vorfälle, über die medial, auch international, berichtet wurde. Da das immer anlassbezogen erfolgt ist und sich manchmal auch über sehr lange Zeiträume mehrere Schichten von antisemitischen Schmierereien überlagert haben, lässt sich das nicht konkret beziffern – man kann lediglich festhalten: das Gemälde „Vaterland“ war immer wieder und sehr oft Ziel antisemitischer Schmierereien.“

Antisemitismus kennt leider viele Spielarten – wird das Gemälde nur Opfer von rechtsradikalem Vandalismus oder gibt es auch Sachbeschädigungen durch andere Gruppierungen? „Jüdische Symbole, wie der im Bild „Vaterland“ dargestellte Davidstern, sind Hassobjekt für Antisemit*innen aller Couleur. Vor der jetzt erfolgten Reinigung haben sich u.a. auch Schmierereien auf dem Bild befunden, deren Hintergrund antiisraelischer Antisemitismus war.“

Ihnen ist es nun gelungen, mit dem Eigentümer des Mauerabschnitts und der Denkmalschutzbehörde des Bezirks zu verabreden, dass diese Schmierereien ab jetzt regelmäßig und zeitnah beseitigt werden. Wie haben Sie das geschafft? „Der Dank gebührt in erster Linie einer Friedrichshainer Anwohnerin, die sich deswegen bei mir gemeldet und das Problem in Erinnerung gerufen hat. Daraufhin habe ich mich an den Eigentümer dieses Mauerabschnitts und die Denkmalschutzbehörde im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg gewandt. Die Reinigung war sehr aufwändig, es bedurfte wegen des Grades der Zerstörung umfangreicher Restaurierungsarbeiten. Was aber das Wichtigste ist: der Wille und die Bereitschaft beim Eigentümer und beim Bezirk waren sofort extrem groß, hier etwas zu verändern. Und das ist auch mir das wichtigste: auch wenn der formale Reinigungsvorgang aufwändig war, der Konsens gegen Antisemitismus war die zentrale Grundlage.“

Wie lief es denn bisher ab – wurden die Schmierereien einfach da gelassen? „Nein, sie wurden immer wieder entfernt, aber es ist oft eine lange Zeit vergangen. Und je länger es dauerte, desto mehr Schichten antisemitischer Schmierereien waren aufgetragen, die das Bild in seiner Substanz beschädigt hatten und deren Entfernung sich immer aufwändiger gestaltet hat.“ – Foto: Kitty Kleist-Heinrich