Nachbarschaft
Veröffentlicht am 15.07.2021 von Nele Jensch
Silke Helling ist Historikerin, Herausgeberin und Autorin. Sie lebt auf Stralau und bietet dort Führungen an, die über Friedhöfe und bis tief in die Vergangenheit führen. Hier erzählt sie vom Leben am Wasser, der Stralauer Tanzprinzessin und dem Problem der Übermotorisierung auf der Halbinsel.
Sie sind Historikerin und laden Ihr Publikum ein, mit Ihnen in einen „Zeitfahrstuhl“ zu steigen. Können Sie kurz erzählen, was die Geschichte Stralaus besonders macht? „Ich wohne seit 2003 auf der Halbinsel, bin also inzwischen auch eine Zeitzeugin für diese gut einen Quadratkilometer große Landzunge zwischen Spree und Rummelsburger Bucht. Das macht schon mal meine Führungen authentisch, lebendig und besonders. Das vergleichsweise kleine Areal von Stralau wiederum spiegelt in einzigartiger Weise ganz verschiedene geschichtliche Phasen:
Hier wurden archäologische Funde geborgen, die auf die Epoche von 9000 vor Christus datieren. Aus dem 13. Jahrhundert stammt dann die erste urkundliche Erwähnung des Ortes. Von ca. 1800 an und über 200 Jahre hinweg war die Halbinsel mit ihren elf Fischerfamilien ein gefragtes Ziel für eine gewisse „Auszeit vom Alltag“. Mit der Industrialisierung und bis zum Ende der DDR-Ära wurde Stralau Produktionsstätte und erlebte dabei auch einen erheblichen Bevölkerungszuwachs. In den jüngsten drei Jahrzehnten fand nunmehr ein Wandel zum Wohngebiet mit Naherholungsqualitäten statt. Somit kann mein „Zeitfahrstuhl“ für die Halbinsel an einer Fülle von Etappen halt machen.“
Überall in der Stadt steigen die Miet- und Kaufpreise für Immobilien. Wohnen am Wasser, trotzdem sehr nah an der City und verkehrstechnisch gut angebunden – auf Stralau dürfte die Nachfrage nach Wohnraum sehr hoch sein. Wie hat sich die Halbinsel in den letzten Jahren entwickelt? „Obwohl Mieten und Kaufen auf Stralau überwiegend im oberen Preissegment stattfindet, zieht es viele Menschen hierher. Überwiegend junge Familien haben sich hier ein eigenes Heim errichtet. Auch etliche Investoren schufen Wohnraum, durch Neubauten oder durch Umwidmung von Industriedenkmalen. Zuletzt wuchsen außerdem Gewerbeimmobilien mit Büroflächen aus dem Boden, die jeweils ruck zuck belegt waren. Das Zusammenleben hier möchte ich als sehr harmonisch beschreiben, wozu auch lokale Initiativen, wie beispielsweise der Kulturverein Stralau e.V., einen schätzenswerten Beitrag leisten. Als herausforderndes Problem plagt sich die Halbinsel mit einer deutlichen Übermotorisierung herum, nicht wenige Haushalte halten mehr als einen PKW. Damit verbunden sind ein stetiger Mangel an Parkflächen sowie die Schwierigkeit, zu Stoßzeiten eine Nadelöhr-Bahnunterführung als Zu- bzw. Ablauf der Verkehrslawine zu passieren. Ich denke, hier wird künftig ein Umdenken zu Lasten der Motorisierten unausweichlich sein.“
Die Corona-Zwangspause haben Sie genutzt, um neue Führungen vorzubereiten, unter anderem „Ladies First: Frauengeschichte(n) von Stralau und Friedrichshain“. Worum geht es darin? „Mir ist es ein Anliegen, vergessene und unbekannte Frauenschicksale ans Licht zu holen, ihnen also biografisch (wieder) ein Gesicht zu geben. Auf Stralau finden sich gegenwärtig zwei öffentliche Räume, die nach Frauen benannt wurden. Das Caroline-Tübbecke-Ufer erinnert an eine ortsansässige Gastwirtin, die von 1827 bis 1896 lebte. Theodor Fontane hat ihr in seinem Roman „L‘Adultera“ ein recht miesepetrig angelegtes Denkmal gesetzt. Ich behaupte, sie hat es besser verdient!
Der Dora-Benjamin-Park, eine Wohn- und Grünanlage am Eingang der Halbinsel, wurde 2009 nach der deutsch-jüdischen Nationalökonomin, Sozialwissenschaftlerin und Psychologin benannt. Sie war die jüngere Schwester von Walter und Georg Benjamin und wurde ab 1933 rassistisch diskriminiert. Durch Verfolgung, Flucht und Internierung geschwächt, starb sie kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges im Alter von 45 Jahren. In meiner Tour „Ladies First“ stelle ich auch die sagenhafte Gestalt der Stralauer Tanzprinzessin vor sowie die international gefragte Konzept- und Performancekünstlerin Mia Florentine Weiß. Weiß inszeniert sich als „Gesamtkunstwerk“ (Zitat) und hat ihren Lebensmittelpunkt auf Stralau. Dabei steht die Badewanne im Atelier mit Seeblick und wird bei Veranstaltungen schon mal in ein Kühlbuffett für Sushi und Getränke umfunktioniert.
In den letzten Wochen hat sich sich die Pandemie-Lage ja relativ positiv entwickelt – können Sie wieder Führungen in der analogen Welt anbieten? „Ja, endlich! Ich freue mich sehr darauf, meine Gäste in diesem Monat zu der allgemeiner gehaltenen Tour begrüßen zu können, die u.a. von Stralaus Schicksal, Schinkels Marketing, Zilles Zeugenschaft, Pastors Stiefel, von verbogenen Löffeln und rätselhaften Knüppeln handelt.“
Was ist Ihr Lieblingsort auf der Stralauer Halbinsel? „Mein Lieblingsort ist der Friedhof, der um die Stralauer Dorfkirche herum angelegt ist, und der an einer Längsseite auch das Ufer zur Spree bildet. Dieser „Friedhof mit Wasserblick“ ist älter als das Gotteshaus, seine erste schriftliche Erwähnung datiert auf 1412, und er wird bis heute genutzt. Als Ort der Trauer verströmt er eine besondere Stimmung, die mich immer aufs Neue daran erinnert, mein Hier und mein Heute zu wertschätzen. Der Dorfkirchenfriedhof spiegelt außerdem eine breite Toleranz gegenüber persönlichen Formen der Erinnerung: von Porträts der Verstorbenen über anrührende Gaben für sie, von jahreszeitlichen Dekorationen über kirchennahen und –fernen Grabschmuck, von namentlich gekennzeichneten Hinterbliebenen-Sitzbänken bis zu blinkenden Lichterketten; hier werden Abschied und Trauer nicht normiert. Im Übrigen inspirierte mich mein Lieblingsort auf der Halbinsel auch, nach den Lebensläufen von Menschen zu forschen, die hier ihre letzte Ruhestätte fanden. Die gesammelten Erkenntnisse darüber fließen in eine spezielle „Stralauer Friedhofsführung“, die ich demnächst anbieten werde.“
- Mehr von und über Silke Helling lesen Sie auf stralauergeschichte.de. Hier können Sie auch Termine für Führungen ab dem 31. Juli buchen. Die Führungen finden zu Fuß und an Samstagen von 14 bis ca. 16 Uhr statt.
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