Nachbarschaft

Veröffentlicht am 28.10.2021 von Corinna von Bodisco

Katharina Reschke schreibt Drehbücher, TV-Serien und Bücher, Letztere bisher vor allem für Kinder. Gerade ist ihr Debütroman für Erwachsene erschienen: „Tausche Leben – Suche Glück“. Reschke lebt in Friedrichshain und zeitweise in ihrer zweiten Heimatstadt San Francisco.

Wovon handelt Ihr neues Buch „Tausche Leben – Suche Glück”? Der Roman erzählt die Geschichte von einem filmbegeisterten Kinobesitzer in San Francisco, der mit seinem legendären 20er Jahre Lichtspielhaus vor dem Aus steht. Die Bank kennt keine Gnade, und er weiß nicht, wie er seine Schulden zurückzahlen soll. Privat läuft’s auch nicht besser, denn eine Frau für’s Leben ist noch nicht aufgetaucht. Was also tun?
Sein bester Freund hat einen Tipp: Auf der Online-Plattform LifeExchange.club tauschen Menschen nicht nur ihre Wohnung, sondern ihr komplettes Dasein. Neugierig lässt sich Julian auf das Experiment ein und erhält im Tausch ein perfektes Traumleben mit Blick auf die Golden Gate Bridge. Doch schon bald tauchen jede Menge weitere Überraschungen auf …

Warum haben Sie die Geschichte in ihrer zweiten Heimatstadt San Francisco angesiedelt und nicht in Berlin? San Francisco und das benachbarte Silicon Valley bilden bis dato das Zentrum digitaler Innovationskraft und revolutionärer Ideen. Eine Website wie Lifeexchange.club wäre hier absolut denkbar. Ich liebe spekulative Fiktion und wollte meine Leserinnen und Leser gerne in eine fremde Welt entführen, die neu und spannend für sie ist.

Die Thematik ist ja so aktuell wie nie. Ist das Zufall? Ich glaube, dass die Frage „Lebe ich mein Traum-Dasein oder gäbe es da vielleicht noch ein anderes” uns alle fortwährend begleitet – mal lauter, mal weniger laut. Ganz sicher haben aber die Lockdowns und Beschränkungen der letzten 1,5 Jahre diese Thematik für viele drängender gemacht. Nicht umsonst herrscht ja derzeit allerorts Personalmangel, weil die Menschen sich umorientiert haben.

Lassen Sie sich auch von Ihrem Friedrichshainer Kiez inspirieren? Oh ja. Die Idee, dass meine Hauptfigur ein Kino betreibt, kam mir beim wiederholten Vorbeifahren an den „Tilsiter Lichtspielen“. Das 1910 gegründete Kino hat eine ebenso bewegte wie lange Geschichte und existiert nur deshalb noch heute, weil seine Betreiber immer wieder all ihre Leidenschaft und Liebe für das gemeinsame Filme-Schauen einsetzen.

Was vermissen Sie am meisten, wenn Sie auf der anderen Seite des Atlantiks sind? Definitiv die Berliner Sommerabende. Nichts ist schöner, als noch spät am Abend im T-Shirt durch die Stadt zu radeln. In San Francisco gibt es im Juli, August viel Nebel und die Abende sind kühl. Mir gefällt, dass Berlin so international geworden ist. Das kann man nicht zuletzt auf den vielen Street Food Märkten genießen. Ich würde mir wünschen, dass unsere Stadt auch in Zukunft attraktiv für innovative Menschen aus der ganzen Welt ist, und wir hier alle zu bezahlbaren Preisen leben können. An San Francisco sieht man, wohin eine unkontrollierte Verteuerung führt.

Haben Sie einen Lieblingsort in Ihrer Nachbarschaft oder Friedrichshain generell? Ich liebe den Boxhagener Platz mit seinem Markt am Samstag. Ein Spaziergang entlang der Spree die Rummelsburger Bucht hinunter ist immer eine Wohltat. Wenn ich Lust auf original Büffel-Mozzarella habe, muss ich nicht bis nach Italien reisen, sondern bekomme diesen im „Bufala Club“ am Petersburger Platz. Die „Bohea“ Teehandlung in der Niederbarnimstraße versorgt mich immer mit gutem Tee, und die „Brotquelle“ in der Gärtnerstraße mit köstlichem Gebäck. Und last but not least freue ich mich, wenn ich einen Abend im „Briefmarken“ in der Karl-Marx-Allee verbringen kann – ein ehemaliger Briefmarkenladen, der von zwei Italienern vor einigen Jahren in eine kleine Weinbar umgewandelt wurde, in der an der Wand alte Filme laufen.

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