Nachbarschaft

Veröffentlicht am 24.02.2022 von Corinna von Bodisco

Auch den Härtesten haut es einmal um. Jahrzehntelang trotzte der Kirschbaum an der Warschauer Straße, Ecke Revaler, den Horden an Partytourist:innen, Drogendealern und Erasmusstudent:innen, die es in einer fernen, vorpandemischen Zeit täglich nach Friedrichshain spülte.

Die Kirsche, von einigen liebevoll Punkerbaum genannt, wurde angepinkelt, angekotzt, besprayt oder mit Messern angeschlitzt. Und jedes Frühjahr vollbrachte sie das Wunder, diesen trostlosen Fleck mit frischem Grün und weißen Blüten in Farbe zu tunken. Unsere Autorin Juliane Schiemenz schrieb Baumnummer 3, Warschauer Straße 94, einst gar eine Liebeserklärung, dem zähesten Baum der Stadt.

Doch nun hat der Baum, der unverwüstlich schien, aufgegeben: Am 19. Februar fiel er, nach 64 Jahren, dem Sturmtief „Zeynep“ zum Opfer. Wer nun auf der Brücke vor den Überresten steht, merkt schnell: So richtig verkraftet hat das in Friedrichshain noch niemand. Hin und wieder bleibt jemand stehen, macht ein Foto, sagt: „Das ist schon krass.“

Irgendwer hat den Stamm bemalt, man sieht eine Art Weltkugel und rot-gelb-pinke Schlangenlinien. So ist der Punkerbaum auch im Tod noch: Kult. Ein echtes Stück Friedrichshain eben.

Abends fragen die Punks jetzt Vorbeigehende nach Spenden für den Baum – und investieren das Geld dann wohl in eine andere Pflanze. So unterstützt der Baum selbst im Sterben seine Fans. Und sei es nur mit einer Geschäftsidee.

  • Text und Fotos: Madlen Haarbach, die immer mittwochs den Leute-Newsletter für Neukölln schreibt (kostenfreies Abo hier). Sie meinte, dass der Stamm schon ziemlich morsch und krank aussah – also vielleicht doch kein Wunder, dass er umgefallen ist…
  • Die sehr schöne und empfehlenswerte Liebeserklärung an den Kirschbaum auf der Warschauer Straße aus dem Jahr 2017 gibt es auf Tagesspiegel Plus zum Nachlesen.
  • Wie sah der Baum denn vor dem Unglück aus? Nach der Lektüre der Liebeserklärung schickte uns Leser Kristian Mau ein Foto der Kirsch im Laternenlicht, das er im April 2018 aufgenommen hat. Vielen Dank!

  • Abtransport: Der umgestürzte Punkerbaum wurde laut Bezirksamt am Mittwoch von einem Einsatzfahrzeug des Grünflächenamtes kleingesägt und abtransportiert. Nun lagert das Holz auf dem Werkhof im Viktoriapark. Und wie weiter mit dem Baum? Das erzählte mir Bezirkssprecherin Sara Lühmann hier: tagesspiegel.de.
  • Uns interessiert jetzt natürlich auch: Welche Zukunft wünschen Sie sich für die Überbleibsel des Kultbaums? Beim Checkpoint trudelten schon erste Vorschläge ein (Möbelfurnier, Kunstwerk, Drumsticks für ein Punkkonzert). Haben Sie weitere Ideen? Dann schreiben Sie mir.