Nachbarschaft
Veröffentlicht am 01.02.2024 von Robert Klages

Der Hafenplatz hat eine bewegende Geschichte hinter sich – und eine ungewisse vor sich. Investor:innen wollen die alten Gebäude abreißen – in dieser zentralen Lage soll ein Neubau mit mehr Wohnraum und Gewerbe entstehen: „Der Kulturhafen“, ein „lebendiges Innenstadtquartier“. Was allerdings geschieht mit Mieter:innen wie Ina Schürmann und Gonzo Habemann (Foto, Name geändert). Die beiden Zwanzigjährigen sind Teil einer Wohngemeinschaft am Hafenplatz und haben nur einen unbefristeten Vertrag. Müssen sie bald eine neue Wohnung suchen?
Bis in die 50er Jahre war hier ein Hafen am Landwehrkanal, 1882 wurde die alte Rollschuhbahn in der Bernburger Straße zur Alten Philharmonie umfunktioniert und David Bowie hatte ein Studio auf dem Gelände an der Köthener Straße. In den 70ern wurden graue Plattenbauten hochgezogen, später entstand in einem der fünf Gebäude ein Studentenwohnheim. Früher modern, heute von außen eher unansehnlich und dem Verfall preisgegeben, leben zahlreiche Menschen in den 358 Wohnungen und 361 Gewerbeeinheiten. Im ehemaligen Heim wurden ukrainische Geflüchtete untergebracht.
Für die über 200 Geflüchteten muss der Senat bald einen neuen Ort finden. Sie spielen in den Plänen von „Art Projekt“ keine Rolle mehr. Geschäftsführerin des Projektentwicklers Alexandra von Stosch erklärt die Vision des Kulturhafens: ein „vielfältiges, sozial ausgewogenes, ökologisches und kulturell lebendiges Innenstadtquartier soll entstehen“. Stosch versichert, dass alle 120 Mieter:innen mit unbefristeten Verträgen in das neue Quartier aufgenommen werden sollen. Während der Bauphase könnten sie in den Gebäuden die Wohnungen wechseln und so immer vor Ort bleiben. „Unser Versprechen: Die unbefristeten Mieter werden auf jeden Fall übernommen“, sagt sie dem Tagesspiegel am Telefon. Die Frage ist, was mit denen passiert, die befristete Verträge haben.
„Wir wissen nicht, wie es weitergeht“, sagt Schürmann. Sie würde gerne länger vor Ort bleiben. „Ich denke nicht, dass wir als Wohngemeinschaft, oder auch ich alleine, noch einmal so eine Wohnung in Kreuzberg beziehen können.“ Derzeit würde sich die Hausverwaltung einfach nicht melden, nichts werde repariert und alle bekämen exorbitante Nebenkostennachzahlungen. Die Mieten in den Gebäuden tendieren zwischen 4 und 8 Euro pro Quadratmeter. Sowas findet sich nicht so schnell wieder. Es handelt sich um Wohnungen mit Wohnberechtigungsschein (WBS) – sogenannte Sozialwohnungen. Allerdings endet die Sozialbindung, der Vertrag zwischen Stadt und Eigentümer, im Jahr 2027.
Eine sechsköpfige Familie wohnt seit 2015 am Hafenplatz. Sie hat einen unbefristeten Vertrag und soll 4300 Euro Nebenkosten nachzahlen. „Dabei heizen wir kaum. Und ich habe viel Geld in die Wohnung investiert, neuen Boden verlegt – und jetzt heißt es, dass hier alles abgerissen werden soll“, sagt der Vater bei einem Treffen von Anwohnenden, die sich zu einer Initiative zusammengetan haben. „Die Unbefristeten sollen durch die Nebenkosten rausgetrieben werden“, ist sich ein Sprecher sicher. Er möchte nicht namentlich genannt werden.
Der Familie wurde schon Geld angeboten, damit sie auszieht. „15 000 Euro, telefonisch“, erzählt der Vater. Eine Nachbarin habe so ein Angebot angenommen. Aber er und seine Familie würden nicht für 50 000 Euro gehen. „Wo bitte findet man eine Sechsraumwohnung in Kreuzberg? Das ist unbezahlbar.“
Von Stosch sagt, sie verstehe die Sorgen der Mieter:innen. „Wir wollen nicht entmieten.“ Die insgesamt fünf Gebäude gehören privaten Eigentümer:innen und eines auch der Gewobag. Zum Jahreswechsel wurde der Hausverwaltung gekündigt und eine neue eingestellt. Mit der alten hatte es Probleme gegeben, erklärt von Stosch. Das mit den hohen Nebenkostenabrechnungen müsse aufgearbeitet werden. Die Preise seien zwar gestiegen, da könne man nichts machen, aber so ein hoher Betrag auf einmal gehe nicht.
Was ist mit den Geflüchteten und den befristeten Mieter:innen? Von Stosch meint, man habe dem Senat einst das ehemalige Wohnheim für die Geflüchteten angeboten, nun sei es beim Senat, einen neuen Ort zu finden. Wegen der Mieter:innen mit befristeten Verträgen müsse man schauen, man führe Gespräche mit dem Bezirk und verschiedenen sozialen Trägern. Wie viele von ihnen in den Neubau aufgenommen werden können, entscheide sich auch in der Politik und wie dicht man bauen dürfe. Die Gebäude müssten abgerissen werden, sie seien unwirtschaftlich und unökologisch gebaut. Hier könnte viel mehr Wohnraum entstehen, ist sich von Stosch sicher. Die Frage sei natürlich, ob der Bezirk das genehmige. „Art Projekt“ wartet auf den Bebauungsplan vom Bezirk und einen Aufstellungsbeschluss.
Denn ohne diesen bleibt erstmal alles, wie es ist. Kein Neubau ohne Beschluss. Laut Stosch soll der Neubau aus 60 Prozent Wohnungen und 40 Prozent Gewerbe bestehen, davon viel „Kiezkultur“, wozu man mit der Kulturraum GmbH des Senats zusammenarbeiten wolle. „Der Kulturhafen ist ein Ort zum Ankommen“, heißt es in einer Präsentation. „So bunt wie möglich.“ Natürlich mit einer „sozialen Mischung“, Urban Gardening, Coworking, Weltoffenheit, ökologische Innovation, Tanz und Yoga sowie Maker Lab. Die Gewobag soll das mit dem Wohnraum übernehmen. Alle unbefristeten Mieter:innen sollen Angebote für Wohnungen in den Neubauten erhalten.
Viele Bestandsmieter:innen wollen davon nichts hören. Sie mögen es, wie es ist. Ja, grau und alt. Klar, es müsste im Grunde abgerissen werden, schon aus ökologischen Gründen. Aber sie wohnen halt hier, sind hier zu Hause. Das ist auch Kreuzberg, das ist sie bereits, die soziale Mischung. „Wir sind doch schon da, nur ohne Maker Lab und Pipapo, was auch immer das sein solle“, sagt der Familienvater.
Ein Gutachten im Auftrag von „Art Projekt“ kommt zu dem Ergebnis, dass ein Abriss und Neubau ökologisch und wirtschaftlich besser sei als ein Erhalt der Gebäude. „Mehr Wohnraum, weniger Versiegelungen, besserer Biotopflächenfaktor.“
Das sind alles erstmal Visionen von Investor:innen – die bei Bewohner:innen Verlustängste hervorrufen. Die Mieter:inneninitiative fordert vom Bezirk, dass dieser erst einen Bebauungsplan aufsetzt, wenn feststeht, dass alle Mieter:innen neue Wohnungen im Neubau bekommen. „Klar, das Gebäude ist alt, es sollte nicht um jeden Preis erhalten werden“, sagt ein Sprecher der Initiative. „Aber wir wollen bezahlbare Wohnungen, ob im neuen oder im alten Gebäude.“
Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) kündigte im Ausschuss für Stadtentwicklung an, mit einem Sozialplanverfahren beginnen zu wollen. Vertreter:innen von SPD, Linken und Grünen versprachen, dass sie kein Genehmigungsverfahren ansetzen wollen, sofern nicht allen Mieter:innen (auch den befristeten) eine konkrete Zusage zum Verbleib vor Ort gemacht wird. Bereits zuvor hatte sich Schmidt in Medienberichten dafür ausgesprochen, dass alle Mieter:innen bleiben sollen.
- Fotos: Robert Klages/ Mieter:innen-Initiative/ArtProjekt